Qualitative Interviews mit Kindern: ...

...wie Ihr Aufnahmegerät zu einem Hingucker für kleine Kinder wird

Interviews zu führen ist eine kleine Wissenschaft für sich. Es gibt eine Unmenge an Regeln zu beachten, um ein Interview erfolgreich und produktiv zu gestalten, denn diese Form der Datenerhebung ist sehr komplex und das Gelingen stark vom Engagement aller Beteiligten abhängig. Besonders fordernd stellt sich ein Interview mit einem Kind dar. Dieses ist weit weniger berechenbar als eine erwachsene Person, sodass die Befragung noch sensibler und durchdachter angegangen werden muss, wenn das Interview glücklich und für beide Seiten zufrieden stellend verlaufend soll.

Forschungsansätze

In der Literatur ist das Thema zu qualitativen Interviews mit Kindern weitläufig behandelt. Die verschiedenen Forscher befinden sich allgemein in einem Konsens über die Rolle und Sichtweise des Kindes und des Erwachsenen in der Interviewsituation. Demnach ist diese von „speziellen gegenseitigen Zuschreibungen und Erwartungen geprägt“ (Hunger, S.72), da Erwachsene in Kinderaugen immer die Rolle von Erziehenden, Autoritäten, Lehrenden, etc. einnehmen und wiederum Kinder im Erwachsenen-Bewusstsein meist als zu Erziehende, Unmündige, Unerfahrene u.Ä. gelten.

Diese Einstellung zueinander beeinflusst die Kommunikation natürlich enorm. So ist es nur nachvollziehbar, dass ein Kind in einer Interviewsituation zunächst einmal annimmt, es müsse „fehlerfreie Antworten geben“ (Heinzel, S. 711), da es sich, zum Beispiel, an den Schulunterricht erinnert fühlt. An diesem Punkt ist es für die interviewende Person ganz wichtig, dem Kind zu verdeutlichen, dass es sich nicht um ein Quiz handelt, sondern dass man „aufrichtiges Interesse an [seinem] Leben, [seinen] Aktivitäten, [seinen] Deutungen etc. zeigt“ (Hunger, S.82). Denn es wird die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird, genießen, da sie sich in ihrer Qualität von der elterlichen/eines Lehrers/etc. stark unterscheidet.

Doch nicht nur Kinder empfinden zu Beginn eines Interviews Unsicherheit. Selbst ein Erwachsener sieht sich mit einer Hürde konfrontiert. Wer ist dieses junge Wesen ihm gegenüber eigentlich? Wie denkt es und wie kommuniziere ich am besten mit ihm? Zwar hat ein Erwachsener ein Verständnis für Kindheit und die Erfahrung, selbst einmal Kind gewesen zu sein, doch das trifft sich lange nicht mit der Realität eines Kindes heutzutage. Dies hat zur Konsequenz, dass zum einen Aussagen eines Kindes in Frage gestellt werden könnten, da sie nicht den „Erklärungsmuster[n] und Sinnstrukturen“ von Erwachsenen entsprechen (Heinzel, S.710). Zum anderen wird das Interview/die Kommunikation allgemein so interpretiert, wie es die „Regeln und Bedeutungssysteme der Erwachsenenkommunikation“ (Heinzel, S.710) vorgeben – mit dem Risiko, dass kindliche Aussagen missverstanden und fehlinterpretiert werden.

Sie sehen also: Ein Kinderinterview ist ein hochkomplexes Unterfangen. Es ist kein einfaches Frage-Antwort-Spiel, sondern erfordert, dass vielerlei Faktoren vor und während des Interviews beachtet werden. In seinem Beitrag „Zugänge zur kindlichen Perspektive – Methoden der Kindheitsforschung“ (2003) betont Günter Mey, dass „die methodologische Diskussion um Interviews (…) relativ weit entwickelt ist“, sodass es etliche Anregungen für glückende Interviews gibt. Dennoch, so meint Mey, sind „zusätzliche Weiterentwicklungen und Präzisierungen notwendig“.

Methoden

Befragungen sollten in Umgebungen stattfinden, die für die Kinder alltäglich und vertraut sind. Eine weitere Vorkehrung ist, dass ein rücksichtsvoller Interviewer gefunden wird, der „unterstützend, (…), geduldig [und] zugewandt“ (Mey, 2003)arbeitet. Zudem „sollten Pausen vorgesehen werden“, da sonst die Kooperationsbereitschaft des Kindes zu sehr ausgereizt werden könnte.

Eine geeignete Methode ist es, das gesamte Interview als Puppenspiel zu inszenieren, sodass „Alltagsbezüge - also das Spielen generell und auch alltägliche, dem Kind vertraute Gegenstände - in die Interviewsituation integriert werden“ (ebd.).

Bastelvorlagen für Aufnahmegeräte

Speziell aus der letztgenannten Überlegung heraus haben wir uns als Ziel gesetzt, das Aufnahmegerät Teil dieser kinderfreundlichen Interviewsituation zu machen.  Für einige beliebte Aufnahmegeräte haben wir Vorlagen entwickelt, die Sie ausdrucken und mit ein paar simplen Handgriffen an Ihrem Gerät anbringen können. So wäre einerseits für viele Kinder aus dem „komischen Ding“ ein „lustiges Wesen“ entstanden, andererseits vollbringt es die interviewende Person, dem Kind „Erzählhilfen und Erzählanreize [zu geben], wissend um die Gefahr, die Erzählleistung von Kindern möglicherweise zu unterschätzen.“ (May, 2003)

Natürlich zöge man diese Methode nur für Kinder einer bestimmten Altersgruppe (ca. 3-8 Jahre) in Erwägung. Jüngere Kinder sind von der Sprachentwicklung und Kommunikationsfähigkeit her wohl eher ungeeignet für Interviews, ältere Jungen und Mädchen erfreuen sich womöglich sogar an der Technik. So ergaben Analysen nach einer Interviewreihe: „Einige Kinder gaben ihrer Enttäuschung darüber Ausdruck, dass bei der Bandaufnahme der Gespräche kein 'richtiges' bzw. großes Mikrophon verwendet wurde.“ (Breuer, 2001 in Mey, 2003). Ergänzend dazu ein Zitat von Hunger: „Das Aufnahmegerät wurde gewissermaßen als Symbol der Relevanz ihrer Aussagen gewertet und bot zudem vielen Kindern Anlass, ihrerseits die ersten (technischen) Fragen zu stellen.“ (S.80)

Doch im angemessenen Kontext bieten die folgenden Vorlagen mit Sicherheit eine willkommene Abwechslung für Klein und Groß.

Anleitung

Die Vorlagen sind als PDF gespeichert und in schwarz-weiß, sodass Sie sie nach Ihrem Belieben gestalten können. Laden Sie die Datei runter und drucken Sie sie aus. Anschließend können Sie die Vorlage ausmalen und -schneiden. Bitte schneiden sie auch die weißen Streifen um die Vorlage herum aus - diese können dann, nach richtiger Positionierung der Vorlage, einfach um das Gerät geschlungen und mit einem Streifen Klebeband befestigt werden, damit nichts mehr verrutscht. Die weißen Flächen "in" Kalle, Ronny und Käpt'n Großohr bitte ebenfalls rausschneiden - so liegen die Bedienelemente frei. Linus liegt lediglich auf dem Display des Tascam auf.

Literaturverzeichnis

Mey, Günter (2003): Zugänge zur kindlichen Perspektive - Methoden der Kindheitsforschung, Verfügbar über http://www.familienhandbuch.de (Zugriff 10.08.2010)

Heinzel, Friederike (2000): Qualitative Interviews mit Kindern
In: Barbara Friebertshauser, Annedore Prengel (Hrsg.)
Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft

Hunger, Ina (2005): Qualitative Interviews mit Kindern. Besonderheiten,
Erfahrungen und methodische Konsequenzen: Kuhlmann & Balz (Hg.),
Qualitative Forschungsansätze in der Sportpädagogik. Schorndorf: Hofmann.