Konferenzsitzungen und große Gruppen digital aufzeichnen

Wir wollen eine Konferenzsitzung mit etwa 20-40 Personen aufzeichnen, um später eine Abschrift in Word zu erstellen oder das ganze als Podcast oder auf CD zu verteilen. Unser Wunsch ist ein System, das mit möglichst wenig Aufwand und "Lernzeit" zu guten (Aufnahme-)Ergebnissen kommt. Muss es dafür unbedingt aufwändige Konferenztechnik wie beispielsweise von Sennheiser sein oder gibt es auch hochwertige, mobile aber günstige Lösungen? In diesem Feld gibt es zwei Hersteller, die sich mit speziellen Produkten auf solche Situationen eingelassen haben: Olympus und Philips. Hören und Lesen Sie selbst!

1. Gruppenaufnahmen sind schwer, warum?

Fakt ist, je weiter die jeweiligen Sprecher vom Aufnahmegerät/Mikrofon entfernt sind, desto schwieriger ist es, rauscharme und vor allem deutliche Sprachaufzeichnungen zu erhalten. Denn ein empfindliches Mikrofon, das auch eine weit entfernte Person noch gut aufzeichnen kann, nimmt leider auch Nebengeräusche gut auf.

Gruppengespräche, Tagungen, Presse- und Konferenzsitzungen gehören somit zu den anspruchsvolleren Momenten für digitale Aufnahmetechnik. Gut ausgestattete Tagungsorte verfügen manchmal über ausgefeilte Konferenztechnik, bei der jedem Sprecher ein Mikrofon zugeordnet ist. So wird gewährleistet, dass alle Gesprächspartner mit gleich guter Qualität aufgezeichnet werden können. Solche Lösungen sind mit hohen Anschaffungskosten verbunden. Uns beschäftigt daher die Frage, wie man auch ohne große Investition zu sehr guten Aufnahmeergebnissen kommen kann.

2. Olympus und Philips bieten Lösungen

Olympus schickt das LS-10 (LS-5) mit Fernbedienung ins Rennen, dass sich optional mit einem externen Mikrofonset erweitern lässt: dem Konferenz-Kit ME30W. Dies enthält zwei externe Mikrofone und Stativ. Philips setzt gleich auf ein Komplettangebot, das Conference Recording System 955, ein Koffer mit Aufnahmegerät, Dockingstation, zwei Grenzflächenmikrofonen, Fernbedienung und einem Reportermikroaufsatz. Beide Aufnahmegeräte sind handlich und robust. Hier die Detailinformationen und Preise.


Das LS-10 hatte uns bereits im Interviewtest durch seine sehr gute Verarbeitung und die intuitive Handhabung überzeugt. Sowohl Speicher als auch Batterielaufzeit sind üppig und die Aufnahmequalität im Einzeleinsatz hervorragend.

(Zusatz 17.6.2010: Das Olympus LS-10 ist ausgelaufen. Wir empfehlen das neue Aufnahmetalent Olympus LS-5: günstiger und besser als das LS-10. Lesen Sie hier mehr.)


Das Olympus ME30W Mikrofon-Kit bzw. Konferenzmitschnitt-Set zur Erweiterung digitaler Aufzeichnungsgeräte besteht aus 2 Konferenzmikrofonen, 2 Mini-Stativen, einem Y-Adapter zum Anschluss an den Mikrofoneingang des Recorders und einer Tragetasche für den Transport. Die Mikrofone können getrennt mit bis zu 5 Meter Abstand aufgestellt werden und sind samt Stativ sehr klein (obwohl die Fotos groß wirken, Mikrofonlänge 64mm)!

Philips Conference Recording System 955 - UVP 999 Euro inkl. MwSt.
Das Conference Recording System 955 beinhaltet einen Koffer mit dem Aufnahmegerät Digital Pocket Memo 955, zwei Grenzflächenmikrofonen (Konferenzmikrofon 9172) mit je 2 Meter Kabel und einem Reportermikrofonaufsatz.  

3. Aufbau und (Fern)-Bedienung

Auspacken
Nun soll es los gehen. Der Koffer von Philips wirkt mächtig, fast ein bißchen zu groß, bündelt das Equipment aber übersichtlich und sicher verpackt. Der Mikrofonkoffer von Olympus ist etwa ein zehntel so groß (siehe Foto unten) und dadurch handlicher und auch mal in einer Tasche mitnehmbar. Mehr als fünf Minuten zum Anschließen der Geräte nach dem ersten Auspacken sind nicht nötig. Hüllen entfernen, Batterien rein, Stecker zuordnen und aufstellen. Beim zweiten Mal ist das ganze in wenigen Sekunden startklar. Der Aufbau stellt keine Schwierigkeit dar, auch ohne Handbuch.

Platzbedarf
Pfiffig sind die Grenzflächenmikrofone von Philips, sie sehen gut aus, liegen flach und das Kabel lässt sich unter dem Mikro zusammenrollen, so entsteht wenig Kabelsalat. Das Aufnahmegerät steht stabil in der mitgelieferten Dockingstation, fällt dadurch etwas mehr in den Blick und lässt das Display gut erkennen. Bei beiden Lösungen muss man sich mit Kabeln auf dem Tisch arrangieren. Jeweils eines pro Mikrofon, beim Philips zusätzlich noch das Kabel der Fernbedienung, dass mit 1,5m leider eine beschränkte Reichweite besitzt. Das ist beim LS-10 besser gelöst, eben drahtlos per Infrarot-Fernbedienung. Die Mikrofone von Olympus lassen sich ebenso gut aufstellen und sind in etwa gleich breit aber natürlich höher als die von Philips. Da alle Geräte klein sind, wirken sie auf dem Tisch nicht störend, sie verschwinden auf einem großen Konferenztisch zwischen Wasserflaschen und Kekstellern.

Aufnahme
Jetzt geht es ans Aufnehmen. Beide Geräte lassen sich mit einem Knopf starten und wieder stoppen. Aber sieht man eigentlich ob man aufnimmt? Beim Philips wird dies durch ein kleines, seitlich angebrachtes rotes Licht angezeigt, das gefällt uns beim LS-10 besser. Dort wird die Aufnahme optisch deutlicher und markanter auf der Vorderseite angezeigt. Wer die Fernbedienung nutzt, bekommt beim Philips noch ein rotes Aufnahmelicht im Handteil. Beide Geräte verfügen über ausreichend Speicher, sodass selbst tagfüllende Veranstaltungen vollständig aufgezeichnet werden können. Insgesamt lässt sich sagen: Alles gelingt einfacher als man denkt, sowohl bei Philips als auch bei Olympus.

Aussteuerung
Das LS-10 ermöglicht nach dem Drücken des Aufnahmeknopfes die Überprüfung der Aussteuerung. Die Aussteuerung wird automatisch optimiert. Auf Wunsch lässt sich der Pegel auch manuell regeln. Übersteuerung wird sofort deutlich durch eine rote Warnlampe angezeigt. Das geht bei der Lösung von  Philips gar nicht, auch sind wichtige Einstellungen wie Mikroempfindlichkeit und andere nur über das Menü erreichbar und nicht via Taste, schade. So kann man das Gerät nur schwer an besondere Raum- oder Akustiksituationen anpassen. Unverständlich für uns: Beim Philips lässt sich bei angeschlossener Fernbedienung kein Kopfhörer nutzen und somit nicht während der Aufnahme mithören / kontrollieren. Das geht nur beim Olympus-System, trotz Fernbedienung.

Aufnahmeformat
Beide können unsere Aufnahmen im MP3 Format aufzeichnen, das Olympus zusätzlich unkomprimiert als WAV, das Philips auch im DSS Format - (Fußnote unten lesen!). Das ist gut und angemessen und erlaubt die Weiterverarbeitung auf allen erdenklichen Computern und Betriebssystemen.

Transkription / Verschriftlichung
Um die Aufnahmen in schriftliche Form zu bringen, bedarf es einer Schreibkraft und einer Software für die Transkription. Mit den vorliegenden Aufnahmen lässt sich eine Abschrift leicht mit den entsprechenden Schreibplätzen erstellen.

4. Aufnahmequalität

Insgesamt gelingen mit beiden Systemen brauchbare Aufnahmen. Das System von Olympus mit dem LS-10 und dem ME30W hat unserer Ansicht nach nicht nur die Nase vorne, sondern setzt sich deutlich ab. Die Aufnahme mit dem LS-10 plus ME30W ist insgesamt klarer und rauschärmer als die Ergebnisse des Philips Systems. Der Unterschied ist hörbar deutlich und damit nicht marginal. Und je besser die Aufnahme, desto leichter die spätere Weiterverarbeitung und desto größer die Tauglichkeit für Podcasts, CD Mitschnitte oder ähnliches. Das Olympus LS-10 ist zudem deutlich flexibler in den Einsatzmöglichkeiten, da es auch ohne externe Mikrofone sehr gute Aufnahmen liefert. Lediglich bei mehr als 10-12 beteiligten Personen ist der Aufbau der Mikrofone überhaupt notwendig, darunter geht es auch ohne das externe Mikrofon-Set ME-30W. Das Philips verfügt zwar auch über ein Reporteraufsteckmikrofon, allerdings mit schlechterer Aufnahmequalität als das LS-10. 

Unsere erste Probeaufnahme haben wir in einem Besprechungsraum eines normalen Büros erstellt. Mit vier Personen um einen Tisch herum und dabei etwa 1-3 Meter Abstand zu den aufgestellten Mikrofonen. Die Raumakustik ist ganz passabel. Zudem haben wir absichtlich alle durcheinander gesprochen, um die Mikrofone und den Hörer der Probeaufnahme vor die Aufgabe zu stellen, die unterschiedlichen Stimmen gut darzustellen / herauszuhören. Achten Sie beim Hören auf das vorhandene oder fehlende Grundrauschen der Aufnahmen.

Olympus LS-10 mit ME30W

Olympus LS-11(download)

Philips CRS 955

Olympus LS-11(download)

Für eine weitere Probeaufnahme haben wir einen Seminarraum (10m * 6m) der Marburger Universität genutzt und darauf geachtet, eine möglichst schlechte Raumakustik zu bekommen (kein Teppich, viel Hall). Zudem haben wir für Bewegung im Raum gesorgt. Ein Alptraum für spätere Transkriptionen, aber so können sie hören, wie die Systeme sich unter solch schwierigen Bedingungen schlagen. Alltägliche Aufnahmen, die sie als AnwenderInnen in Räumen mit Teppich und fester Sitz- und Sprechordnung erzeugen, werden natürlich deutlich besser.

Olympus LS-10 mit ME30W

Olympus LS-11(download)

Philips CRS 955

Olympus LS-11(download)

5. Fazit

Komplexe Aufnahmesituationen, wie sie bei Tagungen oder Konferenzen vorliegen, werden von beiden Lösungen gut gemeistert. Keine der Lösungen ist also "schlecht" im eigentlichen Sinne. Das Philips System besticht durch den hochwertigen Koffer und die pfiffigen Grenzflächenmikrofone (die sich auch erweitern lassen), allerdings zeitigt dieser Aufwand keinen positiven Effekt - die Tonqualität schwächelt deutlich. Das System von Olympus hat eine hörbar bessere Aufnahmequalität, ist handlicher und besser zu bedienen und flexibler im Einsatz, zudem mit drahtloser Bedienung. Wenn man dies in Relation zum Preis setzt, so ist die klare und eindeutige Empfehlung das System von Olympus. Hier ist die UVP des kompletten Olympus-Sets mit LS-10 (LS-5) und ME30W 793 Euro, während das Philips System satte 200 Euro mehr kostet. 

6. Fußnote zu verschiedenen Aufnahmeformaten

Eine wichtige Erkenntnis aus der Praxis: Bitte nutzen sie nicht das von einigen Herstellern angebotene DSS Aufnahmeformat für die oben beschriebenen Aufnahmesituationen, unter keinen Umständen! DSS und DSSPro sind hochkomprimierte Audiodateien und wurden speziell für Diktataufnahmen entwickelt. Dafür machen sie auch Sinn. Die starke Kompression bewirkt bei Aufnahmen in denen der Sprecher nicht direkt den Mund ans Mikrofon halten oder sogar mehr als eine Person spricht meist haarsträubend schlechte Ergebnisse mit vielen Kompressionsartefakten. Dies nachher nochmal anzuhören oder gar transkribieren zu müssen ist eine Qual und verbraucht unnötig Arbeitszeit. Man benötigt Aufnahmen im MP3 oder WMA Format, lieber sogar unkomprimierte WAV Dateien - auch wenn man kein Hifi Profi ist. Diese Formate erleichtern allen, den späteren HörerInnen und TranskribientInnen, die Arbeit und verbessern die Verständlichkeit maßgeblich und entscheidend!