f4analyse oder MAXQDA?

Gemeinsamkeiten & Unterschiede der 2016er Versionen

Wer im Rahmen einer qualitativen Forschungsarbeit Dokumente auswertet, benötigt zunächst eine klare Vorstellung von der zum eigenen Projekt passenden methodischen Vorgehensweise. Es gibt zahlreiche Ansätze, die in der Literatur dokumentiert und beschrieben sind wie zum Beispiel Grounded Theory Methodology, Inhaltsanalyse, dokumentarische Methode, Metaphernanalyse und viele mehr. Erst danach stellt sich die Frage, wie die Umsetzung der Forschungsmethode technisch sinnvoll unterstützt werden kann. Einige werden sich entscheiden, mit Papier und Stiften zu arbeiten, andere hingegen werden spezifische Software für die qualitative Datenanalyse nutzen, sogenannte QDA-Software. f4analyse und MAXQDA sind Vertreter solcher QDA-Programme. Wie unterschieden sich diese beiden Programme?

 

Das können f4analyse & MAXQDA gemeinsam

Beide Programme ermöglichen den Import von Interviewdaten mit Zeitmarken im RTF-Format auf Windows und Macrechnern. Sie unterstützten ihre Auswertung dann mit drei grundlegenden Werkzeugen:

  • Codes: Aufbau eines Codesystems und Zuweisen von Textstellen zu Codes
  • Memos: Erstellen von Interpretationsideen, Anmerkungen, Paraphrasierungen und Zusammenfassungen
  • Retrieval: Überblick über codierte Textstellen und Erstellen von Themen- und Fallzusammenfassungen

Codes

Aus theoretischen Überlegungen oder induktiv aus Ihren Daten generieren Sie ein Gliederungssystem, in das Sie Inhalte Ihrer Daten zuordnen. So strukturieren Sie Inhalte oder Konzepte des Materials und fassen diese zusammen. Methodisch werden hierfür unterschiedliche Begrifflichkeiten verwendet, häufig wird hierbei von einem Kategoriensystem, Codesystem oder Codebook gesprochen. Das Codesystem ist hierarchisch organisiert. Jeder Code trägt eine spezifische Farbe. Im Text ist stets ersichtlich, welche Passagen zu welchen Codes zugeordnet wurden, dabei sind auch Mehrfachzuordnungen zu verschiedenen Codes möglich. Das Codesystem kann während der Arbeit mit dem Material leicht umorganisiert werden. Codes können ausdifferenziert, verschoben, umbenannt oder fusioniert werden. Für einige Einsatzzwecke ist eine lexikalische Suchfunktion hilfreich, um Worte und Wortfolgen im Material zu suchen. Die Fundstellen können Bereichs- oder Absatzweise aufgelistet und ggf. automatisch codiert werden.

Memos

Beliebige Passagen Ihres Materials können Sie mit Anmerkungen versehen. Das können Ideen sein, identifizierte Konzepte, erste Interpretationen, Paraphrasen, Zusammenfassungen, Bezüge zur Theorie und vieles mehr. Memos und Kommentare sind ein wesentliches Arbeitswerkzeug. Das Festhalten Ihrer Anmerkungen hilft sowohl bei der Dokumentation und Qualitätssicherung als auch bei der Ideengenerierung und konzeptionellen Strukturierung Ihrer Arbeit. Memos bzw. Kommentare lassen sich sowohl im Text selbst zu konkreten Textpassagen, als auch zu einem Code oder Text als Ganzes erstellen. In einem Kommentar zu einem Code sammelt man z.B. Codedefinitionen, Themenzusammenfassungen; zum Text erfasst man Fallzusammenfassungen, soziodemographische Daten, Gedächtnisprotokolle oder ähnliches. Direkt am Text können Sie Anmerkungen zu konkreten Aussagen, Formulierungen oder Passagen festhalten.

Retrieval: Überblick codierter Textstellen

Die zugeordneten Textpassagen zu einem Codes kann man anzeigen lassen. Die Übersicht der Zitate zu einem Thema hilft dabei, das Thema bzw. den Code genauer zu Charakterisieren oder auch das Codesystem weiter auszudifferenzieren. Das geht sowohl im Überblick für alle Texte oder für eine bestimmte Auswahl bspw. alle Aussagen zum Thema "Motivation" der befragten Männer über 30 Jahre. Damit lassen sich Fälle rasch mit einander vergleichen oder ein Thema verdichten und zusammenfassen. Alle gelisteten Zitate können Sie samt der dazu erstellten Kommentare exportieren. Auch ein quantitativer Blick auf die Codierungen ist möglich: Die Verteilung der Code-Häufigkeiten über alle Texte kann in einer Tabelle ausgegeben werden. 

Export

Alle Projektdaten wie Texte, Codes, Memos und Häufigkeiten lassen sich nach Word und teilweise auch Excel exportieren. f4analyse exportiert die Daten auch als .mx4 Datei, welche mit MAXQDA (auf Windows) geöffnet und bearbeitet werden kann.

Teamwork

In beiden Programmen können Sie verschiedenen Projekte zusammenführen in ein Gesamtprojekt.

 

Das geht nur in f4analyse

  • Alle Arbeitsschritte per Rückgängig-Funktion korrigieren (z.B. gelöschten Code wiederherstellen).
  • Sowohl Memos und Kommentare sind auf Wunsch direkt im Text eingebettet.
  • Beim Teamwork werden Codememos/kommentare automatisch zusammengeführt.
  • Memos können codiert werden und damit ihre Paraphrasen (Mayring), Konzepte (Grounded Theory M.), Interpretationen uvm..
  • Codierungen werden als zeichengenaue Unterstreichung im Text angezeigt.
  • Ist funktionsidentisch als Windows, Mac- und Linuxversion erhältlich.
  • Mit der android- oder  iPad-App können Sie im Wechsel mit der Desktopsoftware Ihre Projekte unterwegs bearbeiten.

Das geht nur in MAXQDA

  • Import von PDF, XLSX, JPG, Audio/Videodaten.
  • Ordner und Sets für Texte erstellen.
  • Codierung von Audio-/Videodaten ohne vorhandenes Transkript.
  • Code-Überschneidungen, Code-Überlappungen oder Code-Nähe herausfiltern.
  • Nutzung von Variablen zur Selektion spezifischer Text- oder Codegruppen.
  • Die Verteilung der Codehäufigkeiten für verschiedene Textgruppen vergleichen.
  • Importieren von Codierungen eines anderen Projektes zum gleichen Text.
  • Verschiedene Benutzergruppen mit verschiedenen Rechten für ein Projekt festlegen.
  • Texte, Codes, Memos, codierte Textstellen und freie Objekte auf einer weißen Fläche anordnen und mit Pfeilen verbinden.
  • Darstellung von Texten als Bild auf Basis ihrer Codierungen und Codefarben.
  • Erstellen einer Worthäufigkeitsliste und Wortlisten zur Auszählung von Worthäufigkeiten für Texte, Textgruppen oder Codes auszählen. (mit kostenpflichtigem Zusatzmodul).

 
Unsere persönliche Einschätzung

f4analyse ist als "schlankes" Programm mit Reduzierung auf die wichtigsten Funktionen bewusst einfach gehalten. Dies erleichtert gerade AnfängerInnen den Einstieg in die computerunterstützte, qualitative Auswertungsarbeit, zumal das Handbuch überschaubar kurz und eine Lizenz kostengünstig ist. Bis zu einer Menge von 50 Texten und 750 Codes kann gut damit gearbeitet werden.

Ab 50 Texte empfinden wir es als hilfreich auch Variablen und Sets zur Organisation und Filterung der Daten hinzuzuziehen und das geht mit f4analyse nicht. Wenn sie also Variablen zur Filterung ihres Datenkorpus nutzen wollen, andere Datenformate als Worddateien auswerten, Visualisierungen benötigen oder quantitative Textanalyse betreiben, bietet nur MAXQDA die benötigten Funktionen dafür an - welche sie im Handbuch auf etwa 410 Seiten gut nachvollziehen können.

Beide Programme können sie mit einer Demoversion testen. Sollten diese ihnen nicht zusagen, gibt es weitere Alternativen: bspw. Atlas.TI, NVivo, Quintexa, Transana, Opencode, Hyperresearch u.a.. Und schließlich bleibt selbstverständlich auch der herkömmliche Weg offen: "paper, pencil and rubber" :-) Diese reichen laut Bernd Schnettler völlig aus, um eine gute qualitative Analyse durchzuführen. Egal wie Sie weiter arbeiten - viel Freude dabei!