Feldpartitur-Software und andere Videolösungen
19.12.2011
Während im Bereich der Audioaufzeichnung (z.B. von Interviews) Forschende auf etablierte Transkriptionspraxen blicken können, zählt die Thematik der Transkription von Videoaufzeichnungen noch immer zu den Herausforderungen für die Sozialforschung. Denn Videodaten sind hochkomplexe, multikodale Daten, die nicht allein das Sprechen der Akteure beinhalten, sondern weitere Informationen zu Bild, Musik, Geräusch, Bewegung, Licht, Situation und Handlung etc.
Die Software Feldpartitur (*1) wurde speziell für die multikodale Transkription von Videos entwickelt, um diese Lücke zu schließen. Neu am System Feldpartitur ist, dass Videodaten im Prozess der Transkription nicht mehr ausschließlich übersetzt werden in Textdaten (Kodewechsel), sondern die Einzelkonstituenten im Video auf zwei Achsen (X- und Y-Achse) Prozessdaten in ihrer Gleichzeitigkeit erfasst werden (Metapher der „Partitur“). Die Feldpartitur reagiert auf diese Weise auf das vielbeschworene Problem der Erfassung der Gleichzeitigkeit (‚simultaneity‘) und Linearität (‚linearity‘) von Videodaten. Die in dieser Weise als Diagramm sich aufspannende Datenmatrix dient nicht nur als Visualisierung der im Video sich darbietenden Strukturen, sondern auch als Grundlage für weitere qualitative und quantitative Auswertung (z.B. Excel, SPSS, MaxQDA, atlas.ti, etc.)
In der aktuellen Version werden fünf sog. ‚Editier-Modi‘ zur Anwendung gebracht:
- Framing: Repräsentationale Darstellung visueller Konstituenten durch das stehende Einzelbild (frame-by-frame-Analyse)
- “transcript” (TS): Transkription gesprochener Sprache auf der Basis bestehender Text-Transkriptionsstandards
- “notescript” (NS): Notation von Symbolen innerhalb eines definierten Bezugsrahmens
- “codescript” (CS): Unterstützung der Aneignungsprozesse durch makroprozessuales Kodieren, Interpretieren, Deuten von Ereignissen im Video
- “Text” (TXT”): Verbalumschreibung von Ereignissen im Video
Wie in einem „Baukastensystem“ wählen Forschende aus diesen fünf bestehenden Möglichkeiten je nach Erkenntnisinteresse und zugrundeliegender Forschungsmethode die für sie relevanten Transkriptionsmodi aus.

Abbildung: Screenshot des Editier-Fensters der Feldpartitur-Software
Die methodenneutrale Software wird derzeit in vier Forschungsphasen zur Anwendung gebracht:
- Die Feldpartitur dient als Analyseinstrument zur sukzessiven und zunehmend begrifflichen Identifikation relevanter Videokonstituenten in einem zyklisch angelegten Forschungsprozess
- Sie dient als Darstellungsinstrument, um videobasierte Ergebnisse – etwa einer Schlüsselsequenz – empirisch belegt zu publizieren oder zu präsentieren. Dies insbesondere dann, wenn sensible Bilddaten nicht zur Publikation freigegeben werden,
- Sie dient als schriftsprachliches Video-Transkript und/oder Datenmatrix für weiterführende quantitative (Export in Excel, SPSS) und qualitative (pdf-Export in MaxQDA oder atlas.ti) Auswertung
- Sie dient als Qualifikationsinstrument für Forschende, aber insbesondere auch deren Studierenden/SchülerInnen.
Neben den inhaltlichen Neuerungen wurden technische Neuerungen im Projekt umgesetzt, um den durch das Material Video bedingten hohen technischen Anforderungen gerecht zu werden. Die Software Feldpartitur wurde in der cloud-computing-Technologie entwickelt: für die Zeit während der Videotranskription wird für die jeweiligen Videoschnitte eine komfortable SaaS-Software (Software-as-a-Service) genutzt. Dies ermöglicht neben der Entlastung der Forschenden von allen Konvertierungs- und Wartungsarbeiten internetbasiertes und somit system- und standortunabhängiges, überregionales sowie internationales Arbeiten in einem Team.
Weitere Informationen: http://www.feldpartitur.de/software/
Allgemein zur multikodalen Transkription von Videodaten (Historisches, Methodologisches, Methodisches und Datenschutzrechtliches):
Moritz, Christine: Videotranskription in der Qualitativen Sozialforschung: multidisziplinäre Annäherungen an einen komplexen Datentypus. Wiesbaden:VS-Verlag (i.V. 2012)
Grundlegendes zur Arbeit mit einer Feldpartitur (Literatur, Reflektion des Betrachterhabitus von Videodaten, Editier-Modi in der Software Feldpartitur und Anwendungsbeispiele)
Moritz, Christine: Die Feldpartitur. Multikodale Transkription von Videodaten. In: Uwe Flick, Ralf Bohnsack, Christian Lüders, Jo Reichertz. (Hrsg.): Reihe Qualitative Sozialforschung. Praktiken – Methodologien – Anwendungsfelder. Wiebaden:VS-Verlag 2011.
Transkription mit dem Notationssystem HaNoS in Feldpartitur-Software:
Reichertz, Jo, Englert, Carina: Einführung in die qualitative Videoanalyse. Eine hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse. In: Uwe Flick, Ralf Bohnsack, Christian Lüders, Jo Reichertz. (Hrsg.): Reihe Qualitative Sozialforschung. Praktiken – Methodologien – Anwendungsfelder. Wiesbaden: VS-Verlag 2010.
*1 Das Projekt wurde gefördert durch ein EXIST-Gründerstipendium des BMWi im Zeitraum 11/2010 bis 10/2911aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages
Videoanalysetools ELAN, EXMARaLDA, TASX, Anvil
Seit einige Jahren haben sich viele unterschiedliche und zum Teil kostenfreie Videoanalyse und -annotationsprogramme entwickelt. In einem umfangreichen Aufsatz stellen Katharina Rohfling und 12 Kolleginnen und Kollegen zentrale Tools vor und vergleichen Sie. Das Dokument ist ein Beitrag aus der Online-Zeitschrift Gesprächsforschung (ISSN 1617-1837) und sei jedem ans Herz gelegt, der sich vor dem Beginn der Arbeit mit den wichtigsten Tools auseinandersetzen möchte um eine geeignete Wahl zu treffen.
Download des Beitrags: Comparison of multimodal annotaion tools - workshop report
Videotranskription und -analyse mit Transana
Das Programm Transana eignet sich für avi, wmv und mpg Videodaten. Es wurde am Wisconsin Center for Education Research der University of Wisconsin-Madison entwickelt. Das Videomaterial muß auf dem Computer als mpg, wmv oder avi verfügbar sein und kann dann eingelesen werden. Auch große Datenmengen stellen kein Problem dar. Dabei stehen 7 Sprachversionen zur Verfügung (auch deutsch) und nach kurzer Einarbeitung ist das Programm gut zu bedienen (nicht ganz intuitiv!). Die Wiedergabe läßt sich wie bei f4 auch mit einer Tastenkombination steuern (STRG+S zum starten, stoppen und autorückspulen). Eine Mac-OS-X-Version ist ebenfalls verfügbar. Unser USB-Fußschalter unterstützt die Transkription in Transana. Download Transana
Bis zur Version 2.12 ist es kostenfrei, die Version 2.2 kostet 50$.

Transana
Der Einstieg in die Arbeit mit Transana ist nicht ganz einfach. Lesen Sie hier, wie Sie Ihr erstes Projekt anlegen: Transkribieren mit Transana - von Oliver Ehmer.
Ein weiteres umfangreiches Tutorial hat Götz Schwab entwickelt: Transana - ein Tranksriptions- und Analyseprogramm zur Verarbeitung von Videodaten am Computer (Beitrag der Online-Zeitschrift Gesprächsforschung)