Interview-Vergleichstest 2014

Seit wir unseren letzten Vergleichstest für Interviewaufnahmen durchgeführt haben, ist nun einige Zeit vergangen und es gibt preiswerte Neuheiten auf dem Markt. Da drängt sich ein neuer Praxistest geradezu auf. Wir wollen wissen, wie sich Zoom H2n, das brandneue Philips DVT4000, zwei Smartphones und das LS-12 im Vergleich zum Olympus DM-650 schlagen. Lesen und hören Sie hier unsere Eindrücke.

So soll es sein

Bei Interviewaufnahmen geht es darum, eine gute Grundlage für die manuelle Transkription zu erzeugen. Sie sitzen später stundenlang mit einem Kopfhörer auf den Ohren, lauschen der Aufnahme, tippen diese Wort für Wort mit f4 ab und achten ggf. sogar auf nonverbale Aspekte. Hierfür benötigt man nicht nur eine klare Aufnahme, auf der alles verständlich ist. Genauso wichtig ist, dass keine spitzen oder brummigen Anteile enthalten sind, da diese spätestens nach der ersten Stunde Transkription deutlich unangenehm sind und sich nachteilig auf die Konzentration auswirken. Eine Aufnahme die zu viel rauscht, die zu hoch klingt, oder die alle Klänge zu einem Brei verdampft, ist eine nicht zu unterschätzende Strapazierung des Ohren- und Nervenapparates, die man tunlichst unterbinden sollte. Selbstverständlich kann man die Aufnahmen auch als Gedächtnisstützen bspw. zum Mitschnitt einer Vorlesung oder einer Sitzung nutzen. Hier ist die Anforderung an den Wohlklang nicht ganz so entscheidend.

Zentral für alle diese Anwendungen ist die Verständlichkeit der menschlichen Stimme und die gute Unterscheidung der verschiedenen Sprecher. Ein gutes Aufnahmegerät schafft es, angenehm zu klingen, die Stimmen aller Beteiligten gut unterscheiden zu können (räumlich wie stimmlich) und nach Möglichkeit Nebengeräusche als nicht so aufdringlich abzubilden. Das ist natürlich je nach Situation unterschiedlich anspruchsvoll. Eine gute Aufnahme in einem Zimmer gelingt sicher viel leichter, als eine Aufnahme mit Hintergrundgeräuschen wie zum Beispiel in der Vorlesung oder in der Mensa.

Die Messlatte ist für uns durch unsere Erfahrungen mit dem Olympus DM-650 gesetzt. Die Aufnahmequalität des Gerätes hat uns im letzten Vergleichstest 2011 beeindruckt, war sie doch für Interviews auf Augenhöhe mit deutlich teureren Geräten. Zudem hat uns die einwandfreie und hochwertige Verarbeitung des DM-650 überzeugt. Wir haben bei vielen tausend verkauften Geräten so gut wie keine Garantiefälle - bis heute! Die Bedienung ist zwar nicht trivial, aber gut umzusetzen und so hat es sich bei uns zum Standardgerät für den Einsatz in Einzel- und Gruppeninterviews etabliert. Als nicht zu unterschätzende Stärke für den Alltagseinsatz lieben wir zudem die lange Batterielaufzeit und Akkus, die sich im Gerät per USB aufladen lassen.

Testszenario

Um einen Testsieger ausfindig zu machen, haben wir zwei Aufnahmeszenarien für eine Interviewsituation ausgewählt. Eine leichte, alltägliche Situation in einem größeren Büro mit wenig Nebengeräuschen und als zweites den Ohrentöter schlechthin: die Mensa. In der Auswahl der Geräte sind wir bewusst im niedrigen Preissegment und bei Smartphones geblieben. Es treten an: Olympus DM-650, iPhone 4S, HTC One, Philips DVT4000, Zoom H2n, Olympus LS-12. Alle Geräte haben wir so verwendet, wie die Hersteller sie quasi aus der Originalverpackung vorsehen: einfach Batterien eingesetzt, Aufnahmequalität auf hoch (bestes MP3 Format) setzen und schließlich aufnehmen. Die Aufnahmen wurden danach am Rechner geschnitten und NICHT nachträglich bearbeitet. Weiter unten können Sie die jeweiligen Originalaufnahmen anhören bzw. herunterladen.

Vergleichsaufnahmen

Situation 1: In der Mensa ist Platz für einige hundert Menschen, der Raum erzeugt viel Hall, es ist sehr laut und man hört überall Geklapper und Gebrabbel. Hier eine gute Aufnahme hinzubekommen ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit und wir möchten an dieser Stelle auch deutlich empfehlen, Interviewaufnahmen nach Möglichkeit auf eine ruhigere Umgebung zu verlagern. Trotzdem ist die Situation bedeutsam, vermag sie es doch die Spreu vom Weizen zu trennen. Hören Sie also am besten mit einem Kopfhörer, denn nur dann kommen die Unterschiede klar und deutlich hervor, und lassen Sie dann Ihre Ohren entscheiden. Welche Aufnahme ist angenehmer für die Ohren, wo verstehen Sie die Sprecher am besten, wo ist der Raumeindruck besonders gut (obwohl er hier nicht benötigt wird)?

 Olympus DM-650 (download)

 iPhone 4s (download)

 Olympus LS-12 (download)

 Philips DVT4000 (download)

 Zoom H2n (download)

Situation 2: Die zweite Aufnahmesituation findet in einem klassischen Büroraum statt: etwa 40 qm, Parkettboden mit einigen Teppichen und einem großen Besprechungstisch, an dem wir zu dritt bequem sitzen. Die Aufnahmegeräte liegen in der Tischmitte, die Ausrichtung ist nahezu identisch. Im Hintergrund gibt es noch andere Personen, die an ihren Plätzen arbeiten. Auch hier sollten Sie mit dem Kopfhörer genau nachhören, bei welchen Aufnahmen die Stimmen verständlich und angenehm klingen, wie die Nebengeräusche wahrgenommen werden können und welche für Sie den Eindruck macht, als könnten Sie sie am besten für einige Stunden verfolgen, um eine Abschrift zu erzeugen. Anhand dieser Probeaufnahmen können Sie sehr gut Ihren persönlichen Favoriten ausfindig machen.

 Olympus DM-650 (download)

 iPhone 4s (download)

 HTC One mini2 (download)

 Olympus LS-12 (download)

 Philips DVT4000 (download)

 Zoom H2n (download)

Unsere Bewertung

[Nachtrag 29.09.2015

Nach gut einem Jahr Erfahrung müssen wir das unten stehende Urteil leider korrigieren. Obwohl das DVT4000 bei günstigerem Preis eine gleichwertig gute Aufnahmequalität im Vergleich zum Olympus DM-650 liefert, können wir es nicht mehr  guten Gewissens empfehlen. Häufige Produkltionsfehler und Aussetzer in wichtigen Interviews lassen uns das DVT4000 in anderem Licht sehen.

Das Olympus DM-650 verfügt über eine einwandfreie Aufnahmequalität und hatte seit Produkteinführung bei uns weniger als 0,1% Garantiereparaturen. Ein Indiz für die Robustheit und Zuverlässigkeit des Gerätes. Diese rechtfertigt unserer Meinung nach durchaus den etwas höheren Preis. 

]

Auf Basis der Probeaufnahmen ist unser Favorit, ganz eindeutig ... auch für uns eine echte Überraschung: Das Philips DVT4000. Wir sind begeistert, dass Philips mit diesem Gerät, das rund 50 Euro günstiger als der Olympus Klassiker DM-650 ist, so saubere, rauscharme und wirklich ohrenfreundliche Sprachaufnahmen zaubert. Trotzdem bietet das Gerät eine nahezu gleichwertig gute Verarbeitung. Das Gehäuse ist aus Alu, es verfügt über gute Drucktasten und eine lange Akkulaufzeit und kann natürlich direkt am Rechner aufgeladen werden. Lediglich die Menüführung empfinden wir als ein klein wenig komplexer als beim Olympus und es ist schade, dass der Akku nicht entnommen werden kann. Da dieser aber gute 50 Stunden nach Vollladung durchhält, können wir mit diesem Umstand leben. Die Aufnahmen des Zoom bestechen durch den eindeutig besten Raumeindruck, der aber in den Gesprächssituationen gar nicht in diesem Detailgrad notwendig ist - dies bedeutet nämlich leider auch mehr wahrnehmbare Hintergrundgeräusche und das stört bei der Konzentration auf die wichtigen Stimmen. Wer zu seinen Interviews später auch noch Musik oder Atmo aufnimmt, ist mit dem Zoom H2n gut beraten. Wer es ausschließlich auf wirklich gute Interviewaufnahmen von kleinen oder großen Gruppen bis 20 Personen abgesehen hat, bekommt unserer Ansicht nach mit dem Philips DVT4000 aktuell den besten Vertreter zu einem erstaunlich günstigen Preis von knapp 90 Euro.

Und die Smartphones?

Die Aufnahmen des iPhones haben uns in diesem Test (oben) sehr gut gefallen. Das hat uns ebenfalls positiv überrascht. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist natürlich sensationell, wenn man die Preiskalkulation mit "ich habe eh schon eines" veranschlagt. Dennoch können wir Smartphones höchstens als Einzelinterviewlösung empfehlen, da das gute Ergebnis nicht immer verlässlich ist, die Dateiformate .m4a oder aac später noch Codecs am Rechner erfordern und natürlich alle Aufnahmen MONO sind (der Tod jeder Sprecheridentifikation bei komplexen Gruppensituationen). In anderen Situationen haben wir in einem halligen Raum einfach grauenhafte Aufnahmen erhalten, z.B. in der Gruppendiskussion hier unten. Achten Sie also darauf, es wäre einfach schade, wenn das in einem wichtigen Interview passiert. Von daher ggf. doch in ein gutes Aufnahmegerät investieren. 

 iPhone 5s (download)