Unser Gründungstagebuch
16.03.2009
12. September 2004 - Interviews abtippen macht Probleme
Lange Gesichter an der Medienstelle. Wieder kein Transkriptionskassettenrekorder, nicht mal die gute alte Stenorette ist verfügbar. Alle ausgeliehen oder defekt. Zum Kaufen leider zu teuer für einen Doktoranden, aber meine 20 Interviews für die Dissertation wollen abgetippt werden und zwar bald. Erst mal hinsetzen, nen Kaffee trinken und gemütlich Musik hören. Etwas verträumt schaue ich mir den MP3 Player an und sehe, der hat ja ein Mikrofon. Im Kopf beginnt es zu rattern...
20. Oktober 2004 - Mensabesuch als Softwareschmiede
Enttäuschung nach langer Recherche, es gibt keine einfache und funktionale Transkriptionssoftware, die auf meinem neuen Rechner läuft. In der Mensa klagen wir unser Leid einigen Freunden und bekommen ein überraschendes „Frag doch mal bei den Informatikern nach" zurück. Stimmt, jedes Semester werden dort Praxisprojekte für Studierende gesucht. Nach einem kurzen Anruf und Mailaustausch fahren wir kurzerhand zum Geschäftszimmer des Dekans. Zusammen mit drei Informatik-Studierenden, dem Dekan und einem Knäuel aus Tonband, Transkriptionsgerät, Fußschalter und diversen Kabeln sitzen wir zusammen. „Wir bräuchten eigentlich einfach genau so etwas wie dieses Gerät. Nur eben als Software.". Leuchtende Augen und eine Gänsehaut macht sich breit, als sich das zunächst stirnrunzelnde Gesicht des Profs lichtet. Das Projekt scheint machbar und die Studierenden machen sich an die Arbeit. Für die Doktorarbeit zu spät, die Interviews sind mittlerweile getippt.
5. Januar 2005 - Fußschalter wird benötigt
Die erste Version der Software sieht viel versprechend aus. Die Steuerung klappt, aber irgendwie fehlt uns der gewohnte Fußschalter. Wo bekommt man nur so einen Fußschalter her? Er soll ja einfach per USB funktionieren und anpassbar sein, schließlich muss er ja mit unserer Software zusammenarbeiten. Müsste ja sicher leicht über das Internet herauszufinden sein, einfach mal suchen. 8 Stunden später: Nichts, aber auch wirklich gar nichts. Wir wollen weder einen Industrieschalter, noch einen medizinischen Schalter oder Alarmknopf. Die etablierten Anbieter haben zwar einige Schalter im Angebot, aber bei den Preisen ist da nicht dran zu denken. Es ist zum Haareraufen. Freunde und Bekannte werden einbezogen und nun suchen und telefonieren wir eifrig.
20. Februar 2005 - Reicht das Geld?
Nach langer Telefonierarbeit und Probebestellungen sind wir fündig geworden. Nicht ein, sondern zwei Anbieter sind des Problems Lösung. Einer stellt die Schalterhülle her und einer kümmert sich um das Innenleben. Allerdings muss man davon gleich eine ganze Menge kaufen. Ein Blick aufs Konto: Hmm, das wird knapp und erfordert 100% der Ressourcen. Wir überlegen eine Weile, entscheiden dann aber aus dem Bauch und bestellen. Keine Marktanalyse, keine Vorbestellungen, keine Website oder ein Geschäftsplan, aber ein verdammt gutes Gefühl. Gelb soll er sein und eine orangefarbene Filztasche zum Reinstecken bekommen. Vorkasse natürlich. Alle Verwandten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und sehen sich gemeinsam mit uns schon auf Flohmärkten diverse gelbe Schalter und Filztaschen verkaufen. Stoische Ruhe bewahren heißt es jetzt, beharrlich bleiben und die Schalter bestellen. Eine Woche später geht mein Auto kaputt, akuter Geldmangel zwingt nun eben zum Radfahren.
10. März 2005 - Vortrag vor der Zielgruppe
15.30 Uhr: Ich bin der Letzte in der Reihe der Vortragenden. Eine kleine Tagung mit 80 Teilnehmenden in Marburg, sozusagen Heimspiel. Alles Forscherinnen und Forscher, die einen ähnlichen Forschungsansatz verfolgen und damit im Prinzip vor ähnlichen Problemen stehen wie ich. Noch vor Beginn bekomme ich gesteckt, dass einige nur wegen meinem Vortrag „Digitale Aufnahme und Transkription mit dem PC“ gekommen sind. Solches Herzklopfen habe ich eigentlich nur beim Rennradfahren. Auch die Gesichtsfarbe erinnert eher an vergessene Sonnencreme. Das Plenum zeigt aber großes Interesse und freudiges Raunen. Die Erwähnung des Fußschalters lässt bei einigen zwar Erinnerungen an die alten Heizdeckenverkaufsveranstaltungen aufkeimen, nichts desto trotz sind wir ab heute bekannt. Damit aber auch unter Zugzwang, so bald als möglich sowohl Software als auch Fußschalter raus zu bringen.
April 2005 - Die ersten Bestellungen
Gearbeitet wird zu Hause im Wohnzimmer. Wir zwei basteln mit Notebooks auf den Knien an der ersten Website, die seit ein paar Tagen online ist. So richtig mit Software-Download und einfachem Bestellformular, dabei sind die Fußschalter noch gar nicht eingetroffen. Da klingelt es. Wir schauen uns ungläubig an, es war wohl doch keine Schnappsidee, ein Fax zu kaufen. Die Universität Wien - 5 Fußschalter. Wir sind aus dem Häuschen, das Fax bekommt Altarstatus. Das gibt es ja nicht, gleich 5 Stück. Ab sofort wird jede Bestellsumme täglich per Edding in den großen Wandkalender eingetragen, 0, 0, 5. Dritter Tag und 5 Schalter sind ein guter Schnitt.
November 2005 - Weihnachtsgeschäft
Von wegen ein Jahr bis die Hälfte verkauft ist, die gelben Dinger gehen wie warme Semmel, wir müssen nachordern. ....
Dezember 2005 - Universal? Genial!
In Abstimmung mit dem Produzenten klären wir die Möglichkeit, mit dem Fußschalter im Prinzip jede Anwendung am PC zu steuern. Wir sind begeistert. Nicht nur unsere Software, sondern auch jede andere könnte nun gesteuert werden. Wir geben der Herstellerfirma grünes Licht.
Januar 2006 - Kein Gehalt, aber tolle Aussicht
Nachdem während des ersten Weihnachtsgeschäfts das heimische Wohnzimmer zum Lager umfunktioniert wurde, ist klar: Ein echter Büroraum muss her. Der erste Anruf auf eine Anzeige hat gleich Erfolg: Eine kleine 20m² Studentenbude mit sonnengelb gestrichenen Wänden. Der Preis stimmt, wir haben einen wunderbaren Ausblick über Marburg. Zu den Mietkonditionen gehört allerdings, dass wir der Nachbarskatze Asyl gewähren. Diese fühlt sich in unserem Büro gleich sehr wohl und liegt gerne auf der Tastatur. Wir ebenso.
Ende Januar 2006 - Schwangere Frauen und Puppenspieler
Der Fußschalter ermöglicht ungeahnte Anwendungen, auf die wir selbst nie gekommen wären. Es erreichen uns Anfragen von Ärzten, die per Fuß Ultraschallbilder ausdrucken wollen. Ein Puppenspieler bestellt einen Schalter zum Steuern der Musik, während seine Hände den Räuber Hotzenplotz spielen. Ein Sicherheitsunternehmen aus der Schweiz ordert unsere Schalter als Alarm-Auslöser.
Hallo Herr Pehl,
ich habe gerade mit großer Begeisterung ihr Gründertagebuch gelesen. Lustigerweise befinde auch ich mich gerade in einer ähnlichen Position, wie Sie.
Auch ich schreibe meine Dotktorarbeit und dafür benötige ich eine Art "Minimikrofon" (bei meiner gestrigen Internetrecherche bin ich auf ihre Seite gestossen und habe herausgefunden, dass sich diese Mikros "Krawattenmikrofone" nennen).
Mein Vorhaben sieht wie folgt aus: Ich möchte Spontansprachdaten von mehreren Türkisch Deutsch bilingualen Kindern über einen längeren Zeitraum (ca. 3-4 Monate), in verschiedenen Situationen aufnehmen. Die Kinder sollen eine Art Mikrofon + Aufnahmegerät erhalten und selbstständig die Aufnahmen über den gesamten Tag selbst verwalten. Sie haben sozusagen selbst die Kontrolle darüber.
Es stellt sich für mich nun folgende Fragen: Ist ein sog. Krawattenmikrofon ausreichend für diese Zwecke? Welches Aufnahmegerät ist am besten dafür geeignet? Kosten und Qualität spielen hierbei eine ganz wichtige Rolle.
Vielleicht haben Sie eine Idee?
Die Sprachdaten (Deutsch, Türkisch, Englisch) müssen natürlich auch im Anschluss transkribiert und sprachwissenschaftlich analysiert werden.
Ich bedanke mich im Voraus für Ihre Mühe.
Mit freundlichen Grüßen,
B. Özdemir
Hallo Frau Özdemir,
ich empfehle Ihnen ein Olympus WS-450 plus Krawattenmikrofon. Zur Befestigung am Gürtel bei eingestecktem Mikrofon eignet sich eine Tasche CS-122
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