Vergleichstest "Atmo" - auf der Suche nach dem "guten" Klang

Ziel dieses Vergleichstests ist es, das Aufnahmegerät für die bestmögliche Atmo-Aufnahme zu finden. Eine Aufnahme, die ohne Nachbearbeitung in Alltagssituationen sowohl das Gesamtbild, als auch feine Nuancen gut darstellen kann. Die Aufnahmen sollten sich so anhören, als ob man es sich auf einer Parkbank in der Marburger Innenstadt bequem gemacht hat und ein wenig in der Gegend umherhört. Dafür haben wir die wichtigsten, digitalen Rekorder gegeneinander antreten lassen. Wie die Geräte sich geschlagen haben und welche der Geräte wir letztlich für Atmo-Aufnahmen empfehlen, erfahren und hören Sie in unserem Vergleichsbericht.

Expeditionsstart: Rekorder packen und Einstellungen klären

Im Test geht es um die Aufnahmequalität, die man mit den eingebauten Mikrofonen bei gleichen Einstellungen erreichen kann.  Aspekte wie Handling, Windanfälligkeit, Batterielaufzeit, Displayhelligkeit, Anschluss externer Mikrofone usw. werden gesondert in einem der nächsten Testberichte unter die Lupe genommen.

In unserem Koffer befanden sich schließlich 16 aktuelle Audio-Rekorder, die alle im unkomprimieren WAV-Format aufzeichnen können. Alles Top-Geräte, die im Preisbereich zwischen 150 und 650 Euro angesiedelt sind: Kenwood MGR-A7,  Korg MR-1,  Marantz PMD621, Marantz PMD661, Olympus DM-550, Olympus LS-10, Olympus LS-11, Sony PCM-D50, Sony PCM-M10, Tascam DR-100, Tascam DR-08, Tascam DR-2d, Yamaha C24, Yamaha W24, Zoom H2 und Zoom H4n.

Die Geräte wurden vor dem Start der Aufnahme anhand eines Referenztones auf (annähernd) gleichen Pegel ausgesteuert. Auf allen Geräten schalteten wir die Mikrofonempfindlichkeit auf die höchste verfügbare Stufe, den Limiter (wo vorhanden) ein, die Mikrofonausrichtung auf möglichst 120 Grad, den LowCut auf aus und das Aufnahmeformat auf 48kHz/16kbps (WAV).

Als Aufnahme-Motive haben wir uns unseren Innenhof, die Treppen vor der Marburger Mensa und eine ruhige Seitenstraße mit Radweg vorgenommen. Bepackt mit jeder Menge Ersatz-Batterien, Speicherkarten und Aufnahmegeräten machten wir uns auf den Weg zur ersten Aufnahme.

Erster (Gegen-) Wind

Die Aufnahmen wurden an einem nahezu windstillen Tag durchgeführt. Dennoch wurden viele (nicht alle!) der ersten Probeaufnahmen durch Windgeräusche stark beeinträchtigt. Was also tun? Einen Windschutz zu nutzen läge nahe, doch nicht für alle Geräte wird ein passender Windschutz angeboten. Daher nahmen wir einheitlich ohne Windschutz auf, bis die gleiche Situation bei 16 Aufnahmegeräten nahezu windstörungsfrei im Kasten war. Kein leichtes Unterfangen! Vereinzelt hört man dennoch Windgeräusche, die aber bei unserer Hör-Auswertung bewusst nicht berücksichtigt wurden.

Unser Fazit hieraus ist nicht überraschend: Für sichere Außenaufnahmen benötigen alle Geräte einen echten (Fell-)Windschutz - nicht nur den einfachen mitgelieferten aus Schaumstoff. Ein richtiger Puschel ist schon ab Windstärke 1 unumgänglich und sichert Ihnen bei Außenaufnahmen ein gutes Ergebnis.

Expeditionswegweiser: Unser Bewertungssetting

Um uns nicht von Vorwissen über einige Geräte beeinflussen zu lassen, wurden die Aufnahmen aller Geräte beim Kopieren auf den Rechner anonymisiert. So war für uns nicht erkennbar, welche Aufnahme von welchem Gerät stammt. Die Auflösung der Anonymisierung wurde bis zum Ende der Auswertung in einem verschlossenen Umschlag aufbewahrt (und wir waren oft sooo neugierig).

Dann haben wir als Vierer-Test-Team jeder einzeln mit einem guten Studiokopfhörer die 16 Aufnahmen abgehört. Nach einem ersten Durchgang verständigten wir uns, mit welchen Worten man die Güte der Aufnahmen am besten beschreiben kann und anhand welcher Hör-Aspekte sich Unterschiede zwischen den Geräten erkennen lassen. Wir sammelten markante Hörereignisse in der Test-Aufnahmen: das Klickern des Fahrrads, ein Vogel, der von links nach recht fliegt, die wahrnehmbare Entfernung zwischen Parkscheinautomat und vorbeifahrendem Auto usw..

Schließlich charakterisierte jeder unabhängig voneinander mit Hilfe der vereinbarten Kriterien alle 16 Aufnahmen und erstellte eine grobe Rangliste. Anschließend verglichen wir unsere Ergebnisse miteinander, diskutierten darüber und protokollierten unsere Differenzen und Schwierigkeiten beim Bewerten.

Folgende Aspekte haben wir für die Charakterisierungen als geeignet herausgearbeitet, um die verschiedenen Ausprägungen der Aufnahmequalität zu beschreiben:

Breite - Ist das Klangbild eher breit oder eng?

Breit: Sony PCM-D50

Eher eng: Kenwood MGR-A7

Stereo-Verortung - Wie genau lassen sich jeweils Töne links/rechts verorten?

Ausgeprägt: Olympus LS-10

Wenig: Korg MR-1

Raumtiefe - Eröffnet der Klang einen Eindruck für Entfernung? Wie gut lassen sich Entfernungen vorne/hinten differenzieren?

Ausgeprägt: Olympus DM-550

Wenig: Korg MR-1

Klangfarbe - hell & klar oder dunkel & satt? Höhen bzw. Bässe werden deutlich wiedergegeben.

Hell & Klar: Tascam DR-2d

Dunkel & Satt: Zoom H4n

Gesamtkomposition - eine der subjektivsten Kategorien. Ist das Klangbild insgesamt ausgeglichen, mit vielen Details ohne dass ein Merkmal (z.B. Bass) besonders hervorsticht?

Ausgeprägt: Sony PCM-D50

Weniger: Yamaha C24

So sind wir innerhalb der Testwoche zu einem recht fundierten Meinungsbild über die erstellten Aufnahmen und die Aufnahmequalität der Geräte gelangt.

Zum Nachhören hier alle 16 Aufnahmen - verschlüsselt mit Lösung. Am besten abhören über Kopfhörer, in mehreren zufälligen (shuffle) Durchgängen. Ähnlich wie beim Eintauchen der Hände in kaltes oder warmes Wasser ändert sich die Emfindung des jeweils nächsten Eindrucks. Eine bassige Aufnahme direkt nach einer hohen Aufnahme angehört, wird schnell als dumpf empfunden und umgekehrt.

Expeditionsfund: Ein Koffer voller Klangfarben und kein einziger Flop

Unser Fazit nach mehrtägigen Hörtests, Hörprotokollen, heißen Diskussionen und erneuten Kopfhörersitzungen: 1. Alle Testgeräte produzieren sehr gute Aufnahmeergebnisse. 2. Deutliche Unterschiede finden sich in der Klangfarbe der Aufnahme. Hier gibt es ein breites Spektrum von "satt und bassbetont" bis "detailiert und höhenbetont" - jeweils mit unterschiedlich breitem Stereobild.  3. Als günstig für eine Atmo-Aufnahme sehen wir ein Klangbild, das über eine gute Stereo-Breite und -Differenzierbarkeit verfügt. Der Klang wurde vor allem dann als natürlich wahrgenommen, wenn er ein helles & klares Klangbild aufweist. So erhält man einen guten Eindruck von der Tiefe des Raumes und Entfernungen der Klänge zueinander. 4. Eine Gruppe von 6 Geräten empfanden wir unabhängig voneinander als besonders herausragend. Deren Klangbild eignet sich nach unserer Einschätzung für Atmo-Aufnahme besonders gut (in alphabetischer Sortierung):

Olympus DM-550 - heller, detailreicher, etwas trockener Klang mit breitem Stereobild und einer guten räumlichen Verortung.

Olympus LS-10 - heller, detailreicher, natürlicher Klang mit breitem Stereobild und einer guten räumlichen Verortung.

Olympus LS-11 -  satter Klang, dennoch sehr detailreich mit breitem Stereobild und einer guten räumlichen Verortung

Tascam DR-2d - sehr klares und ausgewogenes Klangbild mit natürlichem Stereobild und einer guten räumlichen Verortung.

Sony D-50 - hell und klar, ausgesprochen differenziert mit ausgeprägtem Stereobild und sehr guten räumlichen Verortung

Zoom H4n - Klangfarbe eher neutral, dennoch detailreich, gutes Stereobild und gute räumliche Verortung.

Expeditionsergebnisse: Klangcharakter der Audiorekorder

Wir sehen in unserem Test große Ähnlichkeiten zu einer Weinverkostung. In unserem Testkoffer befinden sich ausschließlich technisch einwandfreie Geräte. Daher kann es letztlich nur darum gehen, die Feinheiten, den besonderen Charakter eines jeden Produktes herauszukitzeln. Ein guter säuerlicher Moselwein ist nicht besser oder schlechter als ein schwerer Pomerol. Zum Spargel passt nicht unbedingt ein Retzina, aber mancher kann zu allem seinen Apfelwein trinken. Entsprechend haben wir viele Hörfacetten entdeckt: Das eine Gerät wirkt etwas satter, wuchtiger, das nächste etwas leichter und präziser und das dritte eröffnete den Raum ein bißchen besser. Das macht den jeweils individuellen Charakter der Geräte aus. Je nachdem, was man persönlich präferiert, votiert man das passende Gerät natürlich weiter vorne. Eine genaue Notenfestlegung macht vor diesem Hintergrund keinen Sinn. Technisch gesehen macht man mit keinem der Geräte fundamental etwas falsch. Jetzt fehlt nur noch die Kür eines Testsiegers. Doch das geht nicht! Jeder in unserem Team (und damit sicher auch Sie als LeserInnen) hat eine leicht andere Hör-Präferenz und bewertet daher etwas anders. Sie gewinnen deutlich mehr davon, wenn wir Ihnen unsere eigene Erfahrung authentisch und nicht in einer Gesamtnote verwaschen darstellen. So bleibt der Raum offen, Ihren persönlichen Favoriten selbst zu finden.

 Testfazit - David Georgi

"Positiv überrascht hat mich der neue Tascam DR-2d. Klar, präzise und weich, genau die Eigenschaften, die ich mir bei Außenaufnahmen wünsche. In den verschiedenen Testsettings schaffte er es auf Anhieb immer in die vorderen Ränge. Den Windschutz werden wir in den kommenden Wochen noch testen, denn für alle Geräte ist dieser bei Außenaufnahmen ein Muss. Der Sony PMD-50 und Zoom H4n platzierten sich ebenfalls bei meinen Auswertungen vorn; wie auch das LS-10. Alle Aufnahmen liegen sehr eng beieinander, sodass in die Wertung auch das Handling mit einfließt. Das LS-10 erweist sich als sehr robuster, intuitiv bedienbarer Rekorder mit einem wirksamen Windschutz (WJ1)."

Testfazit - Oliver Leibrecht

"Beim Abhören der Testaufnahmen haben mich zunächst die Störgeräusche durch Wind vom eigentlichen Klang abgelenkt. Im ersten Durchlauf haben mir daher zunächst die auf Wind unempfindlich reagierenden Aufnahmen besser gefallen (Olympus LS-10, Sony PCM-D50, Tascam DR-2d, Zoom H4n). Insbesondere beim Tascam DR-2d empfinde ich das Stereo-Gefühl und die Raumtiefe breit und differenziert. Auch die weit entfernte Vogelstimme (Entenschnattern) konnte ich deutlich ausmachen und räumlich verorten. Das Klangbild finde ich ausgewogen, nicht zu basslastig, aber auch nicht zu spitz, sondern warm und gleichzeitig prägnant. Schade nur, dass die Batterielaufzeit mit ca. 3,5 Stunden dünn ausfällt. Wenn ich die Windstörungen außen vor lasse, gefallen mir besonders das Olympus DM-550 und das Olympus LS-11 gut. Beide mit angenehmer räumlicher Tiefe und breitem Stereopanorama. In der Klangfarbe das DM-550 ausgewogen, hell und klar, das LS-11 satt und durchaus tiefenbetont, ohne dabei dunkel zu wirken. Aufgrund des Preis-Leistungs-Verhältnisses ist daher das Olympus DM-550 mein persönlicher Atmo-Favorit."

Das Expeditions-Team

Zu einem objektiven Untersuchungssetting gehört auch die transparente  Darstellung der eigenen Rolle und Position. Nur so können Sie als  LeserInnen abschätzen, von welcher Warte aus wir unsere Bewertungen  getroffen haben.

Unsere Kernfähigkeit ist die Aufnahme von Gesprächssituationen zwecks wissenschaftlicher Analyse der Gesprächsinhalte. Wir haben jahrelang Interviews oder O-Töne aufgenommen und diese später selbst transkribiert. Etwas mit dem wir täglich konfrontiert sind, ist das Anhören von Aufnahmen via Kopfhörer. Unser Standpunkt ist folgender: Je besser die Aufnahme, d.h. je besser verständlich und realistischer die Darstellung ist, umso leichter fällt die nachträgliche Transkription und umso leichter kann man sich in die verschiedenen Stimmen einfinden/eindenken.

Wir haben ganz bewusst auf die Analyse mithilfe von Frequenzkurven  oder Rauschabständen verzichtet. Die Entscheidung, ob eine Aufnahme gut oder schlecht ist, treffen wir mit geschlossenen Augen und dem Kopfhörer  auf den Ohren.

Dr. Thorsten Dresing, Thorsten Pehl und Oliver Leibrecht sind  Erziehungswissenschaftler. David Georgi war lange Zeit im Journalismus  (BBC London) tätig und erstellt Reportagen in den Bereichen Sport,  Reisen und Natur. Oliver Leibrecht  unterstützt uns als freier Mitarbeiter. Er ist Sprecherzieher (DGSS) und arbeitet seit vielen Jahren für den Hessischen  Rundfunk.