Wissenschaftliche Transkription - paradoxe Materialbearbeitung

18.08.2010

In diesem Artikel zeigen Thorsten Dresing, Theresa Herz und Thorsten Pehl die methodische Problematik wissenschaftlicher Transkription und einen möglichen Lösungsansatz auf.

Neu seit 27.06.2011: Beachten Sie bitte unser Praxisbuch Transkription, das Sie kostenfrei als PDF herunterladen können! http://www.audiotranskription.de/praxisbuch

Das Verfahren der Transkription ist offensichtlich paradox: Mit dem Anspruch, einen mündlichen Diskurs zu repräsentieren, verfasst man einen Text, also ein statisches Schriftstück. Die Anfertigung eines Transkripts wird damit zu einem Dilemma zwischen realistischer Situationsnähe und praktikabler Präsentationsform.

Mündliche Aussagen sind flüchtig und die Erinnerung an Gespräche oft lückenhaft. Ziel einer Transkription ist es, die Flüchtigkeit zu überwinden und der Erinnerung eine gute Stütze zu sein. In einem Transkript wird Gesprochenes schriftlich festgehalten und für anschließende Analysen zugänglich gemacht.  Einerseits möchte man dabei das Gesprochene so detailgetreu und facettenreich wie möglich wiedergeben, um dem Leser einen möglichst guten Eindruck vom Gespräch vermitteln zu können. Andererseits bewirken zu viele Details und Informationen, dass ein Transkript nur schwer lesbar wird. Zudem ist der Zeitaufwand für die Erstellung eines detaillierten Transkriptes enorm hoch; leicht sind mehr als das 20fache der Zeitdauer möglich. Das ist in der Regel zu hoch, um im Forschungsalltag sinnvoll umgesetzt zu werden. Die Aspekte „Exaktheit“ und „sinnvolle Umsetzbarkeit“ schließen sich gegenseitig nahezu aus. Die Schwierigkeit beim Transkribieren besteht also darin, diese Diskrepanz zu kennen und bestmöglich zu bewältigen.

Jeder, der transkribiert oder mit Transkripten arbeitet, sollte sich im Vorfeld bewusst sein, dass eine Transkription nie die Gesprächsituation vollständig festhalten kann. Dafür spielen während der Kommunikation zu viele Faktoren eine Rolle, die unmöglich alle erfasst werden können. Selbst ein Transkript, das sich sehr eng an der Lautsprache orientiert, „vergisst“ beispielsweise nonverbale Aspekte wie Mimik und Gestik – und ist trotzdem bereits äußerst zeitaufwändig.

Es muss also eine Fokussierung auf bestimmte Aspekte stattfinden. Diese Aspekte variieren je nach Forschungsziel bzw. intendierter Verwendung des Transkripts und der konkreten Situation. Ein Beispiel: Man befragt einen Geschäftsführer, ob er denn im nächsten Jahr Stellen streichen werde und er überlegt zehn Sekunden, schaut auf den Boden und sagt leise „Nöö“. Wenn im Transkript nun nur „Nein“ steht, kommt man sehr wahrscheinlich zu einer anderen Deutung, als wenn die Pausenlänge und Gestik mit transkribiert worden wäre.

In Basistranskripten, sozusagen den einfachsten Ausgaben eines Transkripts, finden sich neben den gesprochenen Beiträgen meist keine Angaben zu para- und nonverbalen Ereignissen. Man liest in der Regel dort einen von Umgangssprache und Dialekt geglätteten Text. Die Anfertigung eines Feintranskripts ist im Gegensatz zum Basistranskript dann nötig, wenn die folgenden Analysen nicht nur den semantischen Inhalt eines Gesprächs zum Thema haben. Es wird dann zum Beispiel genauer auf die Prosodie eingegangen, um Tonhöhenverläufe, Nebenakzente oder Lautstärke und Sprechgeschwindigkeit näher zu beleuchten, Lautschrift hinzugefügt (u.a. bei der Dialektforschung) oder es werden nichtsprachliche Phänomene komplexer dargestellt.

 
Beispiel für ein einfaches Transkript¹
Beispiel für ein Feintranskript²
S1: ...oder scheiden lassen überhaupt.
 
S2: Hm. (...)
 
S1: Heute noch. (...) Es ist der Umbruch.
 
S2: Ein besonders gutes Beispiel, das waren mal unsere Nachbarn. (...) Ähm (...), dreißig Jahre verheiratet, (...) das letzte Kind endlich aus dem Haus, zum Studieren, (...) weggegangen, ne, nach Berlin.
S1: =<<dim> oder ‾schEiden lassen ↑`Überhaupt.>
 
S2: ˇhm,
(- -)
 
S1: <<pp> heute noch- >
((atmet 2.1 Sek. Aus))
<<p> s_is der ↑`Umbruch.>
 
S2: n besonders ↑`Gutes beispiel das warn mal
unsere ↑`NACHbarn.
(- - -)
ähm (- - -)
↑`DREIßig jahre ver´hEiratet, °hh
das letzte kind (.) `Endlich aus_m ´HAUS,
zum stu´DIERN, (-)
´WEGgegangen, =´ne, °h
nach ber´LIN, °h
 
 
 
Anmerkungen:
  • Umgangssprache wird geglättet, d.h. dem Standarddeutsch angenähert
  • Auslassungspunkte (…) geben deutliche Pausen wieder
 
Anmerkungen:
  • keine Glättung der Sprache („s-is“ statt „es ist“, „warn“ statt „waren“)
  • Beschreibung der Tonhöhenverläufe ( ˇ , ̀ , ↑ ) und Lautstärke („<<p>“ für piano/leise)
  • genaue Angabe der Pausenlänge („(2.1)“)
  • Betonungen werden durch Großbuchstaben gekennzeichnet

 

¹ Einfaches Transkript, erstellt in f4
² Auszug aus GAT-Feintranskript, vgl. http://www.mediensprache.net/de/medienanalyse/transcription/gat/gat.pdf, S. 35 (Zugriff: 16.08.10)
 
 

Wie Sie sicherlich gemerkt haben, lässt das einfache Transkript einen schnelleren Zugang zum Gesprächsinhalt zu. Es verzichtet auf genaue Details zur Aussprache und wird somit leichter lesbar. Das Feintranskript hingegen vermittelt durch die Wiedergabe der Umgangssprache und der Tonhöhenverläufe einen besseren Eindruck von den Sprechern selbst. Sprecher 2 wirkt in dem Auszug beispielsweise engagiert und interessiert durch die häufige Wiederholung von besonders betonten Silben. Dieser Aspekt wird im einfachen Transkript nicht im gleichen Maß deutlich. Allerdings sind die darin die vielen Pausen und damit die verzögerte Sprechweise von S2 augenfälliger.

Die Entscheidung für eine Transkriptionsform wird anhand von Forschungsmethodik, Erkenntniserwartung und auch aus forschungspragmatischen Gründen abgewägt. So unterschiedlich Gespräche auch verschriftlicht werden kann, es gibt etwas, das nahezu alle Transkripte miteinander verbindet: Fehler. Im folgenden Kapitel gehen wir daher näher darauf ein, welche Fehler auftauchen und was beim Transkribieren zu beachten ist, damit die Fehlerrate von Anfang an möglichst gering ausfällt.

 

Fehler und Lösungsansätze

Erstaunlicherweise werden die wenigsten Transkriptionsfehler bei der Rechtschreibung verursacht. Viel problematischer ist das Phänomen, dass Worte ausgelassen, ersetzt oder hinzugefügt werden. Schon kleine Differenzen können zu einer Sinnverfälschung der ursprünglichen Aussage führen Dies belegt Isabella Chiari in einer interessanten Studie aus dem Jahr 2006. (http://alphabit.net/PDF/Pubblicazioni/chiari2_LREC2006.pdf) Laut Ciari wird durch etwa 37% der Fehler der Sinn einer Aussage semantisch verfälscht.

Oft hängen diese Fehler damit zusammen, dass Transkribienten von ihren eigenen Sprachgewohnheiten beeinflusst sind und daher Lautphänomene anders wahrnehmen als der Sprecher sie artikulierte. So tippte zum Beispiel ein Transkribient für ihn unbemerkt „tiefer Wandel“ statt „großer Wandel“, ein anderer anstatt „langweilige Hölle“ „lange Hölle“. Für die meisten Transkribienten besteht zudem der natürliche Wunsch, kohärente (also zusammenhängende und korrekte) Sätze zu bilden, was bei spontaner mündlicher Sprache oftmals nicht passiert, da Abbrüche, Umdenken und falsche Wortstellung häufig vorkommen. Die Korrektur dieser Unstimmigkeiten führt ebenfalls zur Verfälschung der Originalaussage.

Daher ist es sehr ratsam, das fertige Transkript mindestens einmal, besser mehrfach bzw. durch eine zweite Person (Vier-Augen-Prinzip) Korrektur zu lesen. So werden verlässlich die meisten Fehler aufgespürt. Wenn das nicht möglich ist, sollte mit etwas zeitlichem Abstand der Text von der selben Person Korrektur gelesen werden. 

Zeitmarken als Lösungsansatz zum Zeitsparen und Fehler reduzieren

Durch eine besondere Funktion in unserer Transkriptionssoftware f4 und f5 können sie auch viel später im Analyseprozess noch mögliche Fehler im Transkript sehr schnell überprüfen und gegenhören. Das funktioniert dann, wenn sie mit unseren Programmen f4/f5 transkribieren und währenddessen Zeitmarken in ihr Dokument einfügen lassen. Diese synchronisieren das Dokument mit der Audio- oder Videodatei. Klickt man später eine Zeitmarke an, wird direkt die passende Stelle der Originalquelle abgespielt und somit leicht für eine erneute Überprüfung zugänglich gemacht. Das Schöne daran ist, dies funktioniert nicht nur in f4 oder f5 selbst, sondern auch in den Analyseprogrammen MAXQDA und Atlas.ti, mit denen viele Forschende ihre weitere Analysearbeit durchführen. Diese Programme erkennen die Zeitmarken aus f4 und f5 und ermöglichen auch dort das direkte Abspielen des passenden Absatzes. Sie können also bei strittigen oder merkwürdigen Transkriptpassagen direkt im Originalmaterial nachhören und dadurch ggf. zu veränderten Einschätzungen kommen. In vielen Analysemomenten könnten durch das unkomplizierte und sekundenschnelle Heranziehen der Originalpassage wertvolle und vor allem fundierte Hinweise für die Interpretation entstehen.

Ein weiterer Vorteil der Zeitmarken ist das Potential, Schreibarbeit zu sparen. Sie können bspw. zunächst vorläufige Teiltranskripte erstellen und erst später, wenn klar wird, welche Passagen zu weiteren Arbeit herangezogen werden sollen, diese später detailliert verschriftlichen.

Zum anderen bietet es die Möglichkeit, aufwändigen Beschreibungen von Intonation, Akzenten und dergleichen zu reduzieren. Braucht man diese Informationen detailliert, holt man sie sich direkt und unverfälscht aus der Audio- oder Videospur. Grundlegende Segementgrenzen und besonderheiten sollten allerdings weiter notiert werden, um die Analyse erst zu ermöglichen.

f4 ist computerbasiert und somit sind die daraus entstehenden Transkripte so einfach wie möglich zu handhaben. Sie sind schnell per Email versendet, was den Austausch unter Forschern fördern dürfte, und mit anderen Verarbeitungsprogrammen wie MAXQDA oder ATLAS.ti kompatibel.

Fazit

Letztendlich entscheiden Sie aufgrund Ihrer Forschungsabsicht, welches der vielen existierenden Systeme das richtige für Ihre Zwecke ist. Wenn Sie die Absicht haben, feinsprachlich zu analysieren, werden Sie ein linguistisches System verwenden müssen – mit all seinen Vor- und Nachteilen. Wollen Sie allerdings „nur“ einfache Transkripte erstellen, dann wird Ihnen f4 für Windows/ f5 für Mac und das von uns mitentwickelte Transkriptionssystem eine gute Unterstützung sein. Der Zeitaufwand verringert sich im Vergleich zu anderen Transkriptionssystemen durch das einfache Regelwerk und die zuverlässige Nachprüfung mithilfe der Zeitmarken.

Neu seit 27.06.2011: Beachten Sie bitte unser Praxisbuch Transkription, das Sie kostenfrei als PDF herunterladen können! http://www.audiotranskription.de/praxisbuch

Hinweise zur Transkriptionssoftware und Transkriptionstechnik finden Sie hier

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und Freude beim Transkribieren!

Anhang:

Transkriptionssysteme

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von etablierten Transkriptionssystemen, sodass man als Forschender die Qual der Wahl hat.

Eine erste Entscheidungshilfe bietet der Transkriptionshintergrund: Welches Ziel verfolge ich? Wofür möchte ich die Transkription verwenden? Viele Systeme sind nämlich speziell für bestimme Fachrichtungen bzw. Forschungsrichtungen entwickelt worden und daher für bestimmte Analysen besonders geeignet (zum Beispiel GAT, HIAT oder CATS v.a. für sehr feine Gesprächsanalysen). Doch nicht immer ist ein solch hoher Grad an Genauigkeit von Nöten.

Um alltägliche Interviews und dergleichen schriftlich festzuhalten, genügt ein überschaubares Notationssystem, das sich auf den Redebeitrag an sich konzentriert, ohne im Detail auf nonverbale Kommunikation oder prosodische Parameter einzugehen.

 
Im Folgenden finden Sie nun eine Auflistung der bekanntesten Transkriptionsregelsysteme:
 
Sozialwissenschaftliche Regelsysteme
 
nach Kuckartz et al.
leicht erlernbare Niederschrift für quantitative und qualitative Analysen
vgl. Kuckartz, Dresing, Rädiker und Stefer: Qualitative Evaluation (2008, S.27ff) 
 
nach Hoffmann-Riem
alternatives, ebenso übersichtliches Regelsystem
 
nach Kallmeyer/Schütze
für etwas ausführlichere Transkiption sprachlicher Besonderheiten
 
Sprachwissenschaftliche Regelsysteme
 
HIAT (Halb-Interpretative Arbeitstranskription)
für feine, eher handlungsorientierte Gesprächsanalysen geeignet
 
GAT (Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem)
für detaillierte konversationsanalytische Zwecke
http://www.mediensprache.net/de/medienanalyse/transcription/gat/
 
CHAT (Codes for Human Analysis of Transcripts)
spezielles System zur Erfassung des Spracherwerbs von Kindern
http://childes.psy.cmu.edu/manuals/chat.pdf

 

Literatur

Es gibt eine Menge frei zugänglicher Literatur zu qualitativen Forschungsprojekten. Diese sind gute Inspirationsquellen, die man nutzen sollte. Folgende kleine Auswahl für den Anfang hilfreich:

- Forum Qualitative Sozialforschung . Riesiges Archiv mit tausende Artikeln, sehr gute Mailingliste (Anmelden!) und Literaturempfehlungen, DIE Quelle schlechthin.
- CAQD Website der jährlichen Tagung, spannend dort die Tagungsbände mit vielen Beispielprojekte auf jeweils 10 Seiten vorgestellt.

Workshops

Oft ist es hilfreich nicht nur alleine am Material zu arbeiten, sondern sich in Workshops zusätzliches Wissen anzueignen oder das Material sogar gemeinsam mit anderen auszuwerten. Beispielsweise hier:

- Berliner Methodentreffen im Juni/Juli, 450 Teilnehmende, über 20 Workshops oft von den Autoren bestimmter Auswertungsmethoden selbst durchgeführt, man kann eigenes Material einbringen
- Magdeburger Methodenworkshop ähnlich ausgerichtet, etwa 300 Teilnehmende
- CAQD Marburg Tagung mit vielen Vorträgen zur Vorgehensweise bei der Auswertung mit MAXQDA und von MAXQDA Workshops umrahmt
- Das eigene Erlernen von Programmen geht natürlich auch. Am einfachsten über die oft zur Verfügung gestellten Onlinetutorials wie bspw. hier für MAXQDA .
- Einen umfassenden Überblick über fast alle Forschungswerkstätten in Deutschland bekommt man in dieser Zusammenstellung von FQS.

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