Inhaltlich-semantische Transkriptionsregeln

Beispiel Transkription

Ein fundiertes Regelsystem für die Interviewtranskription im Rahmen qualitativer Forschungsprojekte. Aktualisiert im November 2022 (Dr. Thorsten Dresing, Thorsten Pehl)

Die von uns bisher veröffentlichten Transkriptionsregeln finden seit vielen Jahren verbreitet Anwendung. Ende 2022 hatten wir das Bedürfnis, uns die Regeln noch einmal kritisch anzuschauen. Auch wenn sich in den Lehrbüchern überaus komplexe Transkriptionssysteme finden lassen wird doch in vielen Projekten ein eher einfaches Transkriptionssystem eingesetzt. Im Rahmen von Lehrveranstaltungen oder Qualifikationsarbeiten und bei den ersten Berührungen mit qualitativer Forschung  liegt der Fokus häufig eher auf den semantischen Inhalt und einer einfachen und verlässlichen Anwendbarkeit der Regeln.

Daher haben wir  unsere Regeln noch einmal deutlich überarbeitet und großes Augenmerk auf die Eindeutigkeit und Prägnanz gelegt. Viele Formulierungen wurden vereinfacht, die Erläuterung die zuvor anhand von Beispielen erläutert wurden, wurden als Regel formuliert. Dies unterstützt leichte Erlernbarkeit, gute vermittelbarkeit und damit zuverlässige Anwendung der Regeln.

Im Folgenden finden sie zunächst extrahiert direkt die neuen Regeln (die alten/bisherigen Regeln finden sich hier auf S. 20ff). Für alle, die an etwas mehr Kontext Interesse haben, folgt eine grundlegende Beschreibung über die Funktion von Transkriptionssystemen allgemein.

Regelsystem für die inhaltlich-semantische Transkription (2023)

Regel1: Jedes Wort aufschreiben

– Auch wenn der Satz merkwürdig oder falsch klingt, schreibe ihn auf, wie er gesprochen wurde.
– Wortverschleifungen und Dialekt, werden an das Schriftdeutsch angenähert. Ist keine eindeutige Übersetzung möglich, werden sie beibehalten.
– Unverständliche Wörter werden mit „(unv.)“ oder vermutetem Wortlaut „(Glück?)“ gekennzeichnet.

Regel 2: Kurze Antworten aufschreiben, Verstehensäußerungen ignorieren

– Kurze Aussagen wie „hmm“, „ja“, „genau“ werden ignoriert, wenn Sie den Redefluss nicht unterbrechen.
– Kurze Aussagen wie „hmm“, „ja“, „genau“ werden aufgeschrieben, wenn diese eine Antwort auf eine Frage darstellen.

Regel 3: Deutliche Pausen festhalten

– Deutliche Sprechpausen ab 3 Sekunden werden durch (…) markiert.

Regel 4: Emotionen und Betonungen notieren

– Lachen, Seufzen oder Weinen werden in Klammern notiert.
– Besonders betonte Wörter werden durch VERSALIEN gekennzeichnet.

Regel 5: Transkripte einheitlich gestalten

– Jeder Redebeitrag erhält einen eigenen Absatz, beginnenden mit einem personenspezifischen Kürzel mit Doppelpunkt (z.b. I:, B1:, Herr Müller:)
– Auch kurze Antworten auf Fragen (z.B. „ja“ oder „ähm“) werden in einem separaten Absatz transkribiert.

 

 

 

Module zur Erweiterung der inhaltlich-semantischen Transkription:

Die folgenden Punkte sind Anregungen für mögliche Erweiterungen der Regeln. Diese können je nach Anforderung der Untersuchungsfrage komplett oder einzeln ausgewählt werden.

  1. Wort- und Satzabbrüche werden mit „/“ markiert: „Ich habe mir aber Sor/ Gedanken gemacht.“
  2. Wortdoppelungen werden immer notiert.
  3. Pausen werden je nach Länge durch Auslassungspunkte in Klammern markiert. Hierbei steht „(.)“ für circa eine Sekunde, „(..)“ für circa zwei Sekunden, „(…)“ für circa drei Sekunden und „(Zahl)“ für mehr als drei Sekunden.
  4. Rezeptionssignale und Fülllaute aller Personen („hm, ja, aha, ähm“ etc.) werden transkribiert. Ausnahme: Backchanneling der interviewenden Person, während eine andere Person spricht, wird nicht transkribiert, solange der Redefluss dadurch nicht unterbrochen wird.
  5. Nach der Partikel „hm“ wird eine Beschreibung der Betonung in Klammern festgehalten. Zu nutzen sind: bejahend, verneinend, fragend, z.B. „hm (bejahend)“.
  6. Sprecherüberlappungen werden mit „//“ gekennzeichnet. Bei Beginn des Einwurfes folgt ein „//“. Der Text, der gleichzeitig gesprochenwird, liegt dann innerhalb dieser „//“ und der Einwurf der anderen Person steht in einer separaten Zeile und ist ebenfalls mit „//“ gekennzeichnet.

 

Allgemeine Hinweise zur einheitlichen Schreibweise

Hier sind einige Empfehlungen, die nicht notwendigerweise zu den Transkriptionsregeln gehören, aber in Zweifelsfällen oder bei der Transkription im Team hilfreich sein können:

  1. Mehrere Fülllaute hintereinander werden ohne Satzzeichen dazwischen getippt (z.B. „ähm ähm ähm also da sind wir …“).
  2. Die Partikeln „hm“ werden unabhängig von der Betonung immer „hm“ geschrieben (nicht: „hhhhm“, „mhm“, „hmh“).
  3. Zögerungslaute werden immer „ähm“ geschrieben (nicht: „äm“, „ehm“, „öhm“).
  4. (Maß-)Einheiten und gersprochene Zeichen werden ausgeschrieben, z.B. Euro, Meter, ät, Paragraf.
  5. Abkürzungen werden nur getippt, wenn sie explizit so gesprochen wurden („etc.“ wird nur getippt bei gesprochenem „e te ce“).
  6. Wird in der Aufnahme wörtliche Rede zitiert, wird das Zitat in Anführungszeichen gesetzt: „Und ich sagte dann ‚Na, dann schauen wir mal‘“.
  7. Wortverkürzungen wie „runtergehen“ statt „heruntergehen“ oder „mal“ statt „einmal“ werden genauso geschrieben, wie sie gesprochen werden.
  8. Englische Begriffe werden nach deutschen Rechtschreibregeln in Groß- und Kleinschreibung behandelt.
  9. Personalpronomen der zweiten Person (du und ihr) werden klein geschrieben, die Personalpronomen der Höflichkeitsform (Sie und Ihnen) werden groß geschrieben.
  10. Auch Redewendungen/Idiome werden wörtlich wiedergegeben, z.B. „übers Ohr hauen“ (statt: über das Ohr hauen)

 


 

Hintergrund: Wozu dienen Transkriptionssysteme?

Was ist Transkribieren? Transkription (lat. transcribere „umschreiben“ ) bedeutet das Übertragen einer Audio- oder Videoaufnahme in eine schriftliche Form.

Das Abtippen ist nötig, da mündliche Aussagen, auch wenn Sie aufgezeichnet wurden, flüchtig und die Erinnerungen an ein Gespräch oft lückenhaft sind. Mit der Verschriftlichung wird der Inhalt fixiert. Diese fixierte Dokumentation ist Grundlage vieler qualitativer Analysemethoden.

Warum sich Gedanken über das „wie” machen?

Sobald man einmal mit dem Abtippen eines Interviews anfängt, wird man merken, dass es viele Variationen und Möglichkeiten gibt, das Gehörte aufzuschreiben. Es kann durchaus bedeutsam sein, ob jemand auf eine Frage mit „ja“ antwortet oder erst nach vielen Sekunden Pause leise, unklar und gedehnt „joooah“ sagt. Es entstehen Fragen: Notiere ich Zögerungslaute wie „ähm“ oder lieber nicht? Schreibe ich „hammermal“ oder doch besser „haben wir einmal“? Wie gehe ich mit Dialekt, mit Pausen, Sprechüberlappungen und weiterem um?

Über all diese anstehenden Entscheidungen kann man und hat man sich in der Vergangenheit methodologisch viele Gedanken gemacht. Und das ist durchaus spannend, zu überlegen, wie und wie detailliert bestimmte Phänomene abgebildet werden sollen und wie man dafür sorgt, dass bei der Analyse möglichst wenig Fehlinterpretationen unterlaufen.[3] Aber in der Forschungspraxis werden diese Fragen jedoch meist nicht jedes Mal neu erfunden, denn es gibt bewährte Transkriptionsregelsysteme, also Sammlungen an Regeln und Transkriptionszeichen, auf die Sie unproblematisch zurück greifen können.[4]

Transkriptionssysteme helfen

In einfachen Transkripten finden sich hauptsächlich semantischen Informationen. Man liest dort einen in Umgangssprache leicht geglätteten Text. Der Fokus ist auf einer guten Lesbarkeit, leichter Erlernbarkeit der Umsetzungsregel und nicht zu umfangreicher Umsetzungsdauer. Ein detailliertes Transkriptionssystem ist dann nötig, wenn die Analyse einfach mehr Informationen bereit halten muss, weil teils auf Wortebene interpretiert wird. Dann wird auf Tonhöhenverläufe, Nebenakzente, Lautstärke, Dialekt und Sprechgeschwindigkeit eingegangen, zum Teil wird Lautschrift genutzt. Wunderbar präzise in der Darstellung, leider deutlich aufwändiger in der Erzeugung. Rechnet man für die Erstellung eines einfachen Transkriptes etwa die 5- 10 fache Dauer der Aufnahme, so müssen Sie für so facettenreiche Detaildarstellungen gut und gerne das 60 fache an Zeit aufwenden. Ein Ziel haben alle Transkriptionssysteme gemein: Die Verschriftlichung ist regelgeleitet und dadurch einheitlich und nachvollziehbar.

Wie sieht das konkret im Vergleich aus? Hier zwei Auszüge aus Transkripten des gleichen Gesprächs, die mit verschiedenen Regeln erzeugt wurden:

Beispiel für ein inhaltlich-semantisches Transkript

S2: Ein besonders gutes Beispiel,
das waren mal unsere Nachbarn.
(…), dreißig Jahre verheiratet, (…)
das letzte Kind endlich aus dem
Haus, zum Studieren, (…) wegge-
gangen, ne, nach Berlin.

Beispiel für ein GAT-Transkript [5]

S2: n besonders ↑`Gutes beispiel das
warn mal
unsere ↑`NACHbarn.
(- – -)
ähm (- – -)
↑`DREIßig jahre ver ́hEiratet, °hh
das letzte kind (.) `Endlich aus_m
́HAUS,
zum stu ́DIERN, (-)
́WEGgegangen, = ́ne, °h
nach ber ́LIN, °h

Das semantisch-inhaltliche Transkript lässt einen schnelleren Zugang zum Gesprächsinhalt zu. Es verzichtet auf genaue Details zur Aussprache und wird somit leichter lesbar. Das GAT-Transkript hingegen vermittelt durch die Wiedergabe der Umgangssprache und der Tonhöhenverläufe einen besseren Eindruck von Betonung und Sprachrhythmus.

Prinzipiell gibt es über diese beiden Regelsysteme hinaus viele verschiedene Systene, die man teilweise auch modular nutzen kann. Das haben wir detailliert im Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (2020) ausgeführt. Für spezielle Forschungsfragen kann man sich so ein passendes Transkriptionssystem erarbeiten.

 

 

 

[1] f4transkript, f4analyse und f4x

[2] Zum Beispiel hier: Praxisbuch Interview & Transkription und hier: Handbuch Qualitative Forschung

[3] Das haben hier an folgender Stelle ausführlich gemacht:  Transkription (Thorsten Dresing, Thorsten Pehl in Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie2020)

[4] Einen guten Überblick über Transkriptionssysteme bieten
DITTMAR, Norbert (2004). Transkription. Ein Leitfaden mit Aufgaben für
Studenten, Forscher und Laien. Wiesbaden: VS, Verlag f. Sozialwiss.,
KUCKARTZ, Udo (2010). Einführung in die computergestützte Analyse qualitativer Daten. 3. Aufl. Wiesbaden: VS, Verlag f. Sozialwiss. und
DRESING, Thorsten & PEHL Thorsten (2017). Transkriptionen qualitativer Daten. Implikationen, Auswahlkriterien und Systeme für psychologische Studien. In Mey, Günter & Mruck, Katja (Hrsg.). Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 723–733). Wiesbaden: VS, Verlag f Sozialwiss.

[5] Auszug aus GAT-Feintranskript, http://www.mediensprache.net/de/medienanalyse/transcription/gat/gat.pdf, S. 35 [Zugriff: 21.11.22].

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