f4 Online-Handbuch
Forschen im Team kann sehr bereichernd sein: Verschiedene Perspektiven auf dasselbe Material bringen oft neue Erkenntnisse hervor, und bei größeren Projekten lässt sich die Arbeit sinnvoll aufteilen. f4 unterstützt verschiedene Formen der Zusammenarbeit – von der gemeinsamen Analyse einzelner Texte bis zum Austausch mit anderen QDA-Programmen.
Wenn mehrere Personen denselben Text unabhängig voneinander codieren, entstehen oft überraschend unterschiedliche Interpretationen. Diese Vielfalt der Sichtweisen ist sehr wertvoll: Sie kann blinde Flecken aufdecken, neue Perspektiven eröffnen und die Qualität der Analyse erheblich steigern. Der Prozess des Vergleichens und Diskutierens verschiedener Codierungen führt häufig zu tieferen Einsichten, als wenn eine Person allein arbeitet.
Eine Person erstellt ein Projekt mit allen zu analysierenden Texten (siehe Kapitel 3.2) und kopiert diese Projektdatei mehrfach via Finder oder Windows Explorer (Strg+C/Strg+V bei Windows, ⌘C/⌘V bei Mac). Benenne die Kopien um, z.B. “Analyse_Ana.f4project”, “Analyse_Ben.f4project” und verteile sie an alle Teammitglieder. So ist garantiert, dass alle mit exakt identischen Texten starten – das ist absolut entscheidend für das spätere Zusammenführen.
Jede Person öffnet dann ihre Projektdatei und erstellt einen Hauptcode mit dem eigenen Namen (Klick auf das Plus in der Codeliste). Alle verwendeten Codes werden als Subcodes von diesem Namens-Code angelegt. Das hat den großen Vorteil, dass später auf einen Blick erkennbar ist, wer welche Codierung vorgenommen hat. Zusätzlich sollte jede Person eine eigene Farbe für alle Codes wählen (Klick auf den Farbbalken vor dem Code) – das erleichtert die Unterscheidung erheblich.
Jetzt liest jede Person für sich, entwickelt Codes, schreibt Memos und codiert Textstellen. Wichtig ist, dass wirklich unabhängig gearbeitet wird – Absprachen während dieser Phase würden die verschiedenen Perspektiven verwässern. Speichere Dein Projekt mit aussagekräftigem Namen ab, z.B. “Interview_Protest_Ana_2025-08-14.f4project”.
Um die verschiedenen Sichtweisen zu vergleichen, öffnet eine Person ihr Projekt und klickt auf das Projektverwaltung-Symbol in der Symbolleiste (siehe Kapitel 1.3). Dort wählst Du “Projekte fusionieren” und suchst die anderen Projektdateien aus. Alle Memos, Kommentare, Codes und Codierungen der anderen Projekte werden nun importiert. Anhand der Personencodes und Farben lassen sich die verschiedenen Beiträge auf einen Blick unterscheiden – und oft sind die Unterschiede verblüffend!
Jetzt wird’s spannend: Wo sind sich alle einig? Wo gibt es Unterschiede? Diese werden diskutiert und in eine gemeinsame Interpretation überführt. Dabei können Codes gelöscht oder fusioniert werden (Drag & Drop eines Codes auf einen anderen), das Codesystem kann umgeordnet werden, und neue Kategorien können entstehen. Wichtig ist, dass alle Entscheidungen dokumentiert werden: Für Code-Entscheidungen führst Du die Maus auf den betroffenen Code, klickst auf die drei Punkte (Menü-Symbol) und wählst “Kommentar”. Für textbezogene Entscheidungen erstellst Du ein Memo direkt an der entsprechenden Textstelle (markieren und Strg+M, siehe Kapitel 4.1).
Ana, Ben und Cem analysieren “Interview A” zu Studierendenprotesten. Ana fokussiert auf emotionale Aspekte und codiert viele Stellen als “Frustration” oder “Hoffnung”. Ben sieht politische Dimensionen und verwendet Codes wie “Institutionskritik” oder “Demokratieverständnis”. Cem konzentriert sich auf Gruppendynamiken mit Codes wie “Solidarität” oder “Konflikt”. Nach dem Zusammenführen zeigt sich: Alle drei Ebenen sind eng verwoben – eine Erkenntnis, die ohne die verschiedenen Blickwinkel nicht entstanden wäre.
Bei größeren Korpora ist es sinnvoll, die Arbeit aufzuteilen. Wenn Du beispielsweise 12 Interviews hast, kann jede Person 3-4 davon bearbeiten. Voraussetzung ist allerdings, dass das Codesystem allen bekannt und weitgehend stabil ist. Diese Arbeitsweise eignet sich besonders gut für die späteren Phasen eines Projekts, wenn die Grundstruktur der Codes bereits entwickelt ist.
Eine Person erstellt ein Ausgangsprojekt mit dem finalen Codesystem inklusive ausführlicher Codedefinitionen in den Kommentaren. Diese Definitionen sind entscheidend, damit alle das Gleiche unter einem Code verstehen. Kopiere diese Projektdatei dann via Finder (Mac) oder Windows Explorer (Strg+C/Strg+V bei Windows, ⌘C/⌘V bei Mac) und benenne die Kopien um, z.B. “Projekt_Ana.f4project”, “Projekt_Ben.f4project”.
Jede Person öffnet ihre Projektdatei und importiert nur die zugewiesenen Texte (siehe Kapitel 3.2). Die anderen Texte können aus der Textliste gelöscht werden (Mülleimer-Symbol beim jeweiligen Text). Jetzt kann jede Person konzentriert ihre Texte mit dem vorgegebenen Codesystem codieren. Bei neuen Erkenntnissen können Textkommentare oder Memos angelegt werden – das ist wichtig für den späteren Austausch.
Am Ende werden alle Teilprojekte über “Projekte fusionieren” in ein Gesamtprojekt integriert. Neue Texte, Codierungen und Kommentare werden automatisch ergänzt. Spannend wird es bei neuen oder umbenannten Codes, veränderten Farben und unterschiedlichen Kommentaren – diese müssen gesichtet und Entscheidungen getroffen werden, die in den Codekommentaren dokumentiert werden.
Um Codesystem-Änderungen für alle nachvollziehbar zu machen, erstelle einen Hauptcode “Projektnotizen” (Klick auf das Plus in der Codeliste). Führe die Maus auf diesen Code, klicke auf die drei Punkte und wähle “Kommentar”. Hier dokumentierst Du alle Änderungen:
Changelog: 14.08.2025 - Ana: Code "Intrinsische Motivation" hinzugefügt 15.08.2025 - Ben: "Extrinsisch" umbenannt in "Externe Faktoren" 16.08.2025 - Cem: Neue Subcodes unter "Gruppenverhalten"
Oft hast Du ein durchdachtes Codesystem entwickelt und möchtest es anderen zur Verfügung stellen – aber ohne Deine eigenen Texte preiszugeben. Das kann verschiedene Gründe haben: Datenschutz, Vertraulichkeit oder einfach der Wunsch, anderen die Arbeit zu erleichtern, ohne die eigenen Inhalte zu teilen. Oder Du möchtest das bewährte Codesystem in einem neuen Projekt verwenden.
Kopiere Deine Projektdatei via Finder oder Windows Explorer (Strg+C/Strg+V bei Windows, ⌘C/⌘V bei Mac) und benenne die Kopie aussagekräftig um, z.B. “Codesystem_Interviews_2025-08-14.f4project”. Öffne diese Kopie in f4 und lösche alle Texte (Mülleimer-Symbol bei jedem Text in der Textliste). Es bleiben nur Codes, Farben und die wertvollen Codekommentare mit Definitionen übrig. Diese “leere” Projektdatei kannst Du nun weitergeben.
Die andere Person kann dann ihre eigenen Texte importieren und sofort mit dem bewährten Codesystem arbeiten. Alternativ kann sie das Codesystem über “Projekte fusionieren” zu ihrem bestehenden Projekt hinzufügen. So profitiert sie von Deiner Vorarbeit, ohne dass Du Deine Texte preisgeben musst.
REFI-QDA ist ein offener Standard für den Datenaustausch zwischen verschiedenen QDA-Programmen wie f4, MAXQDA, ATLAS.ti oder NVivo. Das ist besonders hilfreich, wenn Teammitglieder verschiedene Programme nutzen oder wenn Du zu einem anderen Programm wechseln möchtest. Der Standard wurde entwickelt, um die oft frustrierenden Kompatibilitätsprobleme zwischen verschiedenen Softwarelösungen zu lösen.
Klick auf das Export-Symbol in der Symbolleiste (siehe Kapitel 1.3) und wähle “REFI-QDA”. Die entstehende .qdpx-Datei enthält alle Texte (ohne Formatierungen), Codes mit Farben und Kommentaren, alle Codierungen, Memos und Kommentare sowie Gruppen mit Kommentaren. Für reine Codesysteme ohne Texte gibt es auch das .qdc-Format. Für reine Codesysteme gibt es auch das .qdc-Format.
Nutze den REFI-QDA-Import der jeweiligen Zielsoftware. Obwohl REFI-QDA ein einheitlicher Standard ist, handhaben verschiedene Programme Details unterschiedlich. Daher solltest Du nach jedem Import stichprobenartig prüfen: Sind alle Texte vollständig? Stimmen Codes und Farben? Sind Codierungen korrekt übertragen? Werden längere Kommentare vollständig angezeigt? Besonders bei längeren Codekommentaren und Textkommentaren können Darstellungsunterschiede auftreten.
Nicht alles lässt sich übertragen: Textformatierungen gehen verloren, Codierungen innerhalb von Memos funktionieren nur in f4, Mediendateien-Verknüpfungen müssen neu hergestellt werden, und programmspezifische Funktionen wie Variablen in MAXQDA werden nicht unterstützt. Trotz dieser Einschränkungen ist REFI-QDA ein großer Fortschritt für die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen QDA-Programmen.
Eine gute Vorbereitung entscheidet über Erfolg oder Frust beim Teamwork. Verwendet aussagekräftige und datierte Dateinamen wie “Protest_Ana_2025-08-14.f4project” – das hilft enorm bei der späteren Zuordnung. Legt für jede Person eine eigene Farbe fest und dokumentiert das irgendwo. Lasst die Originaltexte unverändert, auch wenn Schreibfehler stören – die könnt ihr später gemeinsam korrigieren. Achtet darauf, dass alle dieselbe f4-Version verwenden, und kopiert alle Projektdateien vor dem Zusammenführen als Backup (Strg+C/Strg+V bei Windows, ⌘C/⌘V bei Mac).
Beim Zusammenführen sollte eine Person die Federführung übernehmen und alle Entscheidungen dokumentieren. Geht systematisch vor: Erst alle Projekte fusionieren, dann Konflikte bearbeiten. Haltet Entscheidungen zu Codes in Codekommentaren fest (Maus auf Code → drei Punkte → Kommentar) und textbezogene Entscheidungen als Memos direkt im Text.
Nach dem Zusammenführen solltet ihr die Vollständigkeit prüfen: Stimmt die Anzahl der Texte, Codes und Codierungen? Kontrolliert stichprobenartig, ob Codierungen und Kommentare korrekt übernommen wurden. Sichert das fertige zusammengeführte Projekt separat – ihr habt viel Arbeit investiert!
f4 erstellt automatisch Sicherheitskopien, die ihr über das Menü-Symbol → Sicherheitskopien erreichen könnt (siehe Kapitel 1.3). Für wichtige Team-Projekte solltet ihr zusätzlich vor jedem größeren Arbeitsschritt manuell die Projektdatei kopieren (Strg+C/Strg+V bei Windows, ⌘C/⌘V bei Mac). So könnt ihr im Notfall zu einem funktionierenden Stand zurückkehren, wenn beim Zusammenführen etwas schiefgeht.